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Rheingau Musik Festival Ein krasses Stück

Im stilistisch guten Umfeld: Andrés Orozco-Estrada und das hr-Sinfonieorchester mit Beethovens „Missa solemnis“ beim Rheingau Musik Festival.

04.07.2016 16:52
Stefan Schickhaus
Andrés Orozco-Estrada (rechts) mit großem Aufgebot und Beethovens "Missa solemnis" in der Basilika von Kloster Eberbach. Foto: Ansgar Klostermann/Rheingau Musik Festival

Nikolaus Harnoncourt habe, so sagte er von sich selbst, lange Zeit ein „Beethoven-Problem“ gehabt. Und ganz vorne mitverantwortlich war die „Missa solemnis“, dieses so horrende Spätwerk Beethovens. Zu pathetisch, zu lautstark, zu egomanisch – für Harnoncourt ein rotes Tuch, bis kurz vor seinem Lebensende. Ausgerechnet diese Missa, einige Monate vor seinem Tod aufgenommen, wurde nun Harnoncourts Vermächtnis und letzte CD-Veröffentlichung.

Als Harnoncourt Ende 2015 alle seine Dirigierverpflichtungen abgab, wurde ein Ersatz gesucht für seine Beethoven-Konzerte mit dem Concentus Musicus bei der Styriarte in diesem Juli. Und gefunden wurde: Andrés Orozco-Estrada, der Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters. Der in Frankfurt selbst in dieser Saison einen Beethoven-Schwerpunkt gesetzt hatte, alle Sinfonien in kleiner Besetzung spielend. Und der diesen Zyklus – jetzt schließt sich der Kreis – mit eben der „Missa solemnis“ krönen wollte.

Zu erleben war sie nun in der Basilika von Kloster Eberbach beim Rheingau-Musik-Festival: Der junge Kolumbianer, der in Harnoncourts Wien zum Dirigenten ausgebildet worden war, dirigierte sein hr-Orchester sowie den Wiener Singverein. Dieses Stück sei zu mühsam, um es ohne Herz und ohne Leidenschaft zu spielen, hatte Orozco-Estrada angekündigt.

Die „Missa solemnis“ ist und bleibt ein krasses Stück Musik, ein problematisches auch, noch dazu in einem alles so sehr übersteigernden Raum wie die Basilika von Eberbach. Aber Andrés Orozco-Estrada hat zwei gute Hebel gefunden, diese härteste aller Beethoven-Nüsse zu knacken. Zum einen: Leidenschaft statt Pathos, also inneres sich Beteiligen statt Abzielen auf Außenwirkung. Zum anderen: Dann doch eine gewisse Leichtigkeit. Eine leicht tänzerische Haltung im Credo-Amen etwa, ein Schwebezustand im Sanctus.

Unangestrengt in die höchste Lage

Abzuhören war das gleichsam unter dem Mikroskop am Violinsolo des fantastischen hr-Konzertmeisters Ulrich Edelmann im Benedictus. Ideal schlank, schwebend, unangestrengt in die höchste Lage. So kann eine „Missa solemnis“ wirklich berühren und nicht nur beängstigen oder verstören.

Es gab Zeiten, da hatte der Wiener Singverein keinen allzu guten Ruf. Zu massiv, zu pauschal, zu breit. Hier aber leisteten die rund 100 Choristen mehr als Respektables, die gefürchteten Sopran-Passagen auf dem hohen b klangen erstaunlich kultiviert. Unter den Solisten zeigte vor allem der Tenor Steve Davislim, dass beides gehen kann: kraftvoll zu singen und lyrisch zugleich.

Der Australier, der den ursprünglich vorgesehenen Christian Elsner ersetzte, wird auch Orozco-Estradas Tenor für Beethovens Neunte bei der Styriarte sein. Ein stilistisch gutes Umfeld, in dem sich der hr-Chefidirigent derzeit tummelt.

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