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Rheingau Musik Festival Brahms in all seiner Schroffheit

So was von da: Hélène Grimaud und das Gstaad Festival Orchestra im Wiesbadener Kurhaus.

Der Ton ist sofort geschärft und so was von da. Mächtiger, zorniger, direkter hatte noch nie ein Solokonzert begonnen. Als wollte Johannes Brahms, der Zweifler, all seine Unsicherheit wegfegen. Vier Jahre hatte er mit seinem ersten Klavierkonzert gerungen, als es im Jahr 1859 uraufgeführt wurde, war er gerade einmal 25 Jahre alt. Die orchestrale Sprengkraft, die er in die Partitur hineinschrieb, ließ seine Zeitgenossen verstört zurück. „Dieses Würgen und Wühlen, dieses Ziehen und Zerren, dieses Zusammenziehen und Wiederauseinandereißen von Phrasen und Floskeln muss man über eine drei Viertel Stunde lang ertragen“, notierte ratlos der Kritiker Eduard Bernsdorf.

Der Furor kann auch heute noch beängstigen. Man darf das Werk nur eben nicht auf makellosen Schönklang polieren, sondern muss es in seiner herben Schroffheit ausmusizieren, als sinfonisch gedachtes, kantiges Ungetüm – so wie das Gstaad Festival Orchestra unter dem niederländischen Dirigenten Jaap van Zweden. Die dramatische Wucht wird dabei im Wiesbadener Kurhaus nicht von außen inszeniert, sie ist keine Frage des Tempos oder der Lautstärke, sondern vielmehr eine der geschärften Artikulation.

Zugleich öffnet van Zweden, der ab nächster Saison als Chefdirigent den New Yorker Philharmonikern vorstehen wird, immer auch melodische Räume von besonderer Schönheit. Horn oder Oboe schälen sich aus dem Orchestersatz – und man ahnt, warum Schumann in dem jungen Brahms eine Art Messias sah, „der den höchsten Ausdruck der Zeit in idealer Weise auszusprechen berufen wäre“.

Hélène Grimaud, so etwas wie ein Stammgast beim Rheingau Musik Festival, braucht da eine Weile, um einen eigenen Platz zu finden. Sie ist weniger Solistin als Dialogpartnerin und trägt erst im entrückten Adagio, in dem Clara Schumann einst „etwas Kirchliches“ hörte, die Musik. Wie sie da in die Töne förmlich hineinsteigt und sie von innen heraus formt, selbstvergessen und doch ganz präsent, das ist die hohe Grimaud-Kunst, die die in New York lebende Französin zu einer der leuchtenden Stars der Szene macht.

Auch Brahms’ 1. Sinfonie nach der Pause wird auf Risiko gespielt. Nicht jeder Ton sitzt, aber die Binnenspannung, die so entsteht, ist enorm. Mehr als 14 Jahre hat Brahms mit seinem sinfonischen Erstling gekämpft, Note für Note, Takt für Takt musste er sich an seinem Übervater Beethoven abarbeiten, den er „wie einen Riesen hinter sich marschieren“ hörte. Es ist ein orchestrales Bravourstück, dessen inhärente Energie van Zweden mit beeindruckender Konsequenz aufschlüsselt und schließlich, per aspera ad astra, im Kurhaus in langen Bögen zur Ruhe bringt.

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