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Rheingau Musik Festival Auf den Kern reduziert, mit scharfen Gesten

Der junge und fabelhafte amerikanische Pianist Ben Kim mit Debussy und Mussorgski auf Schloss Johannisberg.

Schon im vergangenen Jahr, als man ihm den Förderpreis des Rheingau Musik Festivals verlieh, spielte Ben Kim Debussy. Es war das erste Heft der Études, und es ging dem amerikanischen Pianisten schon damals nicht bloß um das virtuose Spiel mit Farben, sondern er dachte Debussy gewissermaßen aus dem Geist der Moderne, mit einer offenen, manchmal schroffen, manchmal auch geradezu enigmatischen Artikulation. In diesem Jahr, wieder auf Schloss Johannisberg, widmet sich Kim dem zweiten Heft der Études – 1915 eine der letzten Auseinandersetzungen Debussys mit dem Klavier, bevor er im März 1918 starb.

Es ist selbstbewusstes Spätwerk, geschrieben in vollkommener Klarheit, wie Debussy sich eine neue, eigene Musik vorstellt, um die er lange gerungen hatte. Es ist, sagt Kim in einer kurzen, sympathischen Einführung, „wie zigfach destillierter Wodka“, auf den Kern reduzierte Musik, ohne jeden Zierrat. Technisch nähert er sich ihr brillant, hoch virtuos etwa die Étude Nr. 7 „Pour les degrés chromatiques“, rhythmisch ungemein präzise die Étude Nr. 9 „Pour les notes répétées“. Immer ist Kims Debussy elastisch, in Tempo, Raum, Dynamik nie starr, sondern in jeder Sekunde im Fluss, in Bewegung. Zugleich darf der späte Debussy verkapselte Musik bleiben, wie eine Flaschenpost liegt sie da – ihr sperriges Geheimnis will Kim ihr nicht nehmen.

Nach der Pause wird die Musik zugänglicher. Die „Bilder einer Ausstellung“, ein 40-minütiger Klavierzyklus Modest Mussorgskis, dessen autodidaktischen Eigensinn Debussy – auf der Suche nach einer eigenen musikalischen Position nach Wagner – im übrigen zeitlebens bewunderte. Aber auch hier denkt Kim die Musik nie bloß vordergründig, als illustratives Meisterwerk, das 1874 die Gedenkausstellung eines befreundeten, gerade verstorbenen Malers – Viktor Hartmann – in Töne übersetzt. Kims Mussorgski ist zwar ohne Frage spektakulär, dabei aber eher schroff als verspielt. Er setzt auf grelle Kontraste, harte Schnitte und kaleidoskopischen Schwindel.

Wie bei Debussy beeindruckt vor allem Kims artikulatorische Konsequenz. Abgerissene, scharf kantige Gesten bestimmen schon den „Gnom“ gleich zu Beginn. Manchmal bringt er sich dabei selbst an die Grenzen. Beim „Marktplatz von Limoges“ zieht er das Tempo ins Unspielbare an, „Die Hütte der Baba Jaga“ bekommt fratzenhafte Züge, das überwältigende Pathos zum Ende hin wirkt fast bedrohlich. Und als man ihm dann, berauscht von Mussorgskis Fulminanz, zujubelt und Standing Ovations gibt, setzt er sich ganz ruhig ans Klavier und spielt als Zugabe keinen Rausschmeißer, sondern wieder – zigfach destilliert – Debussy.

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