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Reggae Unentwegt Rückenwind

Die Reggae-Legenden Sly & Robbie nehmen mit Nils Petter Molvaer, Eivind Aarset und Vladislav Delay ein gemeinsames Album auf.

Sly & Robbie
Sie hatten Lust, sich aufeinander einzulassen. Foto: Okeh

Jeder hat eine eigene Erinnerung an Sly & Robbie, jene Dub- und Reggae-Ikonen, die angeblich an mehr als 200.000 Songs beteiligt sein sollen. Die einen denken an den Sound von Grace Jones, den sie als Produzenten in den frühen 80er Jahren revolutioniert haben – und damit auch unser Verständnis von Pop und Coolness. Dem norwegischen Trompeter Nils Petter Molvaer kommt als erstes Black Uhuru in den Sinn, eine in den 70er Jahren in Kingston, Jamaika gegründete Roots Reggae Formation mit Sly Dunbar am Schlagzeug und Robbie Shakespeare am Bass. Das war, erzählt Molvaer, „eine Punk-Version von Bob Marley und den Wailers“, rau und räudig und zugleich mit diesem irren Gefühl für einen in jeder Hinsicht deepen, völlig entspannten Groove.

Von da an war Molvaer Fan. Doch erst 2014 trafen sie sich persönlich – und vereinbarten sofort einen gemeinsamen Auftritt. Das funktionierte, weil allen dreien Genregrenzen völlig gleichgültig sind. Wichtiger ist die Haltung: die Lust, sich aufeinander einzulassen, sich Neuem zu öffnen und alle Schubladen beiseite zu schieben. Und so erstand aus den ersten Konzerterfahrungen die Idee, ein Album aufzunehmen: „Nordub“.

In Oslo mieteten sie sich in ein Studio ein. Sly & Robbie lieferten die Riddims, über die Molvaer und sein langjähriger musikalischer Vertrauter, der Gitarrist Eivind Aarset, frei improvisierten. Einige Stunden Material entstanden so, die dann wiederum der norwegische Produzent und Klangbearbeiter Jan Bang sichtete, auseinandernahm und neu zusammensetzte. Schließlich kam noch der finnische Elektronik-Tüftler Vladislav Delay hinzu – gerade Molvaer war es wichtig, noch einmal einen ganz anderen Impuls von außen zu bekommen.

Delay, für das finale Mixing und Dubbing verantwortlich, verdichtete die Musik ungemein, gab ihre eine innere Spannkraft, als würde sie um einen Kern kreisen und sich doch von ihm lösen wollen. Und stellte sie zugleich in einen historischen Kontext, der bis zu King Tubby und anderen frühen Dub-Ikonen zurückführt, ohne dabei auch nur eine Sekunde alt zu klingen. Es ist Musik, die man am besten über Kopfhörer hört. Je näher man mit dem Ohr an dem Sound dran ist, desto besser.

Wenn Robbie Shakespeares Bass ganz tief unten kratzig vibriert und einen Song wie „Strange Bright Crowd“ so sanft und stetig anschiebt: als würde man Fahrrad fahren und unentwegt Rückenwind haben. So selbstverständlich fließt alles. Es ist dieser vertraute, charakteristische, organische, warme Sly & Robbie-Sound, der alles in Bewegung und gleichzeitig zusammen hält. Molvaer fliegt darüber mit seiner Trompete frei hinweg, über Taktgrenzen hinaus, dabei verhangen wie immer, virtuos in seiner Brüchigkeit. Ein Kontrast aus Freiheit und Struktur, den der Norweger schon seit mehr als 20 Jahren so konsequent wie kaum ein anderer ausformuliert.

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