Lade Inhalte...

Rainhard Fendrich „Man muss überlegen, was man singt“

Liedermacher Rainhard Fendrich über Achtjährige, die seine Lieder mitsummen, über jüdischen Witz, den Wunsch, etwas zurückzugeben und das Hadern mit dem eigenen Konterfei.

Rainhard Fendrich
Rainhard Fendrich bei einem Sommer-Festival. Foto: afp

Der Liedermacher Rainhard Fendrich sitzt in München im Café und bestellt zu allererst einen dreifachen Espresso. 

Dreifacher Espresso, Herr Fendrich, nicht schlecht – was war der stärkste Kaffee, den Sie je getrunken haben?
In Miami. Da gibt’s Cuban Coffee. Den verkaufen sie in fingerhut-großen Becherchen. Ich gleich zum Verkäufer: „Das ist mir zu wenig, achtfach bitte!“ Sagt er: „Aber der ist sehr stark, Sir!“ Ich: „Kein Problem, das bin ich gewohnt.“ Ich konnte die ganze Nacht kein Auge zumachen. Seitdem bin ich etwas zurückhaltender (lacht.)

Das haut selbst einen Wiener um. Was ist – außer der Liebe zum Kaffee – das typisch Wienerische?
Das Vielvölkergemisch der ehemaligen Donaumonarchie hat besonderes Flair – etwa mit den Kaffeehäusern. Sie waren Kulturzentren, wo Literaten, die in kalten Wohnungen hausten, sich tummelten. Denn im Kaffeehaus gab’s einen Ofen. Dann ist Wien geprägt von dem jüdischen Humor, der jüdischen Lied- und Literaturkultur. Es gibt keinen besseren Witz als den jüdischen. Und auf der anderen Seite ist da dieser fast liebevolle Umgang mit dem Tod. Man sagt ja: „Der Tod is’ a Wiener.“ Die Wiener Lieder handeln zu 50 Prozent vom Trinken und zu 50 Prozent vom Tod.

Wie viele Stunden haben Sie schon im Kaffeehaus verbracht?
Viele! In der Schulzeit haben wir dort die Schule geschwänzt. Und anfangs habe ich im Kaffeehaus getextet. Bei meinen Eltern daheim war es mir zu laut.

Wo schreiben Sie heute?
Überall. Man kann sich nicht aussuchen, wann einem etwas einfällt. So war es auch beim neuen Album: Ich stand in der Weihnachtszeit wieder mal im Stau. Es hat geregnet, die Leute sind mit vielen Paketen gelaufen – und ich seh’ dieses Plakat an der Kreuzung. Der Schriftzug: „Wenn ich groß bin, werde ich arm.“ Das hat mich nicht losgelassen. Ein Plakat der Volkshilfe, das darauf hinwies, dass in Österreich über 320 000 Kinder von Armut bedroht sind. In einem Land mit einem derartigen Wohlstand! Das hat für mich nicht zusammengepasst. So habe ich das Studioalbum, das ich eigentlich fast fertig hatte, verschoben, stattdessen drei Live-Konzerte gegeben, 18 der dort gespielten Lieder auf CD gebrannt. Der Erlös wird gespendet.

Sie haben sich schon immer karitativ engagiert...
Weil ich glaube, dass man, wenn man so viel Glück gehabt hat im Leben, ein bissel zurückgeben sollte. Ich habe wirklich sehr viele Platten verkauft, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Menschen kennengelernt, die mir meine Karriere geebnet haben. Ich sehe mich als kritischen Menschen, aber ich kann nicht nur kritisieren. Drum denke ich: Was kann ich konkret tun? Das ist: das Thema öffentlich machen, Geld akquirieren.

Denken Sie darüber nach, wie sehr Sie das Leben Ihrer Fans prägen?
Das macht mir ein bissel Angst. Ich bin oft erstaunt, wie sehr meine Lieder das Leben begleiten von Menschen, von Familien. Wenn ich im Konzert sehe, wie ein Achtjähriger ein Lied mitsingt, das doppelt so alt ist wie seine Mutter. Das ist auf der einen Seite schön, auf der anderen Seite fühlt man sich da in der Verantwortung. Man muss überlegen, was man singt

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen