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Punk Nutzte Patti Smith den Pogo Stick?

Paula Rosolen lässt im Frankfurter Mousonturm die Verwerfungen des Punk ertanzen.

Stephan Quinci tritt auf, sein sehniger Körper bloß bedeckt mit einem dünnen weißen Kleid, sein stolpernder Gang naiv und verzweifelt. Die Innenseiten der Arme sind nach außen gekehrt, als bettle er um sein Leben. Diese zarte, verwundbare Gestalt erregt größtes Unbehagen, wird zu einem Geist der Unschuld, bis er einen Stuhl nimmt, ihn auf dem Tanzboden zerschmettert und plakativ Paula Rosolens „Punk!?“ im Frankfurter Mousonturm einleitet. Die Unschuld ist vorbei.
Was folgt, ist eine Stunde Auseinandersetzung mit der Punk-Ära und vor allem eine Menge Musik, die live und sichtbar von Nicolas Fehr und Nico Stallmann eingespielt wird. Eine musikalische Untermalung, die manchmal weniger ausgereifte Choreografie-Fragmente übertüncht.

Zweimal treten Fania Grigoriou, Douglas Bateman, Stephan Quinci und Paula Rosolen mit überzeichneter Freude auf Springstöcken auf und führen ihre Hüpfperformance durch. Was nach Kindergeburtstag aussieht, macht den Tänzern und Tänzerinnen womöglich mehr Spaß als dem Publikum und erklärt sich inhaltlich schneller für englische Muttersprachler: Das englische Wort für Sprungstab ist pogo stick und lieh dem Pogo, dem dominanten Tanzstil der Punkmusik, seinen Namen. Aber hat Patti Smith je einen Sprungstab benutzt?

„Punk!?“ ist als themenzentriertes Stück vor allem gut, weil es sich nicht auf eine Lesart oder einen Assoziationsstrang festlegt. Punk wird hier ebenso als massenkompatibles Pophäppchen dargestellt wie auch als Wunsch nach Selbstzerstörung.

Bateman steht alleine im Spotlight und zittert. Das Zittern des Gitarrenriffs zieht nach und gegenseitig schaukeln sie sich zu einer Epilepsie von Instrument und Körper hoch. Anfangs wird das Vibrieren des Körpers noch unterdrückt, das Hass und Verzweiflung zugleich ist. Die Vibration wird tanzbar, aber der Tänzer nicht glücklich, Ektase, Schmerz und Drogen, der ganze Abfuck bricht sich Bahn, das Gesicht Batemans bleibt verzerrt, er gerät in einen Schüttelrausch, fällt zu Boden, krümmt sich. Aus. Der Körper wird pietätlos weggeschleift und hinterlässt eine Spur aus Schweiß. Die aggressivste Form des gesellschaftlichen Protests ist nicht die Zerstörung von Mobiliar, sondern die Zerstörung des eigenen Körpers.

Am stärksten sind die Fragmente, die klare Bewegungsfolgen in den Mittelpunkt stellen. Grigoriou und Rosolen in ihren Ganzkörperanzügen mit Marinestreifen und Schottenmuster performen eine Mischung aus Paartanz und Paarkampf. Sie ziehen sich an, sie stoßen sich ab und das alles in einem Fluss.

Choreografin Paula Rosolen setzt mit „Punk!?“ ihre Reihe von historio-narrativen Tanz-Performances fort, in denen sie sich den „Härtefällen der Tanzgeschichte“ widmet. „Die Farce der Suche“ (2010) folgte der deutsch-argentinischen Ausdruckstänzerin Renate Schottelius, „Libretto“ (2012) befasste sich mit dem Genre des Musicals, „Piano Men“ (2013) rückte die klavierspielenden Korrepetitoren der Tanzproben ins Rampenlicht, „Aerobics!“ (2014/15) spürte in bunten Kostümen der Körpergymnastik und ihren militärischen Wurzeln nach und „Puppets“ (2016) machte das japanische Puppentheater Bunraku zum Thema.

„Punk!?“ ist sich des Romantisierungsrisikos stets bewusst und weiß damit umzugehen. Es entgeht der Eindimensionalität mit einer Mischung aus West Side Story, Drogenrausch und Diskurs.

Das Live-Duo Fehr/Stallmann spielt nicht nur Punk und Artverwandtes, sondern wagt immer wieder auch den Schritt ins Elektronische und den Ambientbereich, was zweifelsfrei inhaltlich abgesichert ist. Schließlich führt auch musikgeschichtlich ein direkter Pfad von der Punkmusik der 70er Jahre zu gegenwärtigen EDM-Strömungen.

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