Lade Inhalte...

Pop Exorzismus, explodierend

Statt Schwermut die ganze Kraft des Pop: Neuheiten von Weakened Friends und Bad Moves.

Bad Moves
Die Bad Moves, hier ganz still sitzend. Foto: Emily Chow

They tell you there’s a heaven, but you’re not allowed in.“ In dem großartigen „Spirit FM“ bringen Emma Cleveland, Katie Park, David Combs und Daoud Tyler-Ameen die Basis ihres Schaffens ins Spiel. Randständige Existenz, unsoziale und reaktionäre Zustände, eine Atmosphäre lauernder Vergeblichkeit. Auf ihrem Album „Tell No One“ entkommen die aus Washington D.C. stammenden Bad Moves mit Verve dem alltäglichen Schlamassel. 

In 32 schnellen Minuten gibt es kein Innehalten, ein Dutzend Songs reiht sich nahtlos zu einer Power-Pop-Girlande klassischer Gangart. Da sind Motors und dB’s, Bangles und Breeders nicht weit, haben auch die Ramones ihren Anteil am mehrstimmig-energischen Zugriff. Getauft im heilig perlenden Jingle-Jangle-Süßgewässer, ist den Bad Moves keine Volte fremd, kein Kniff zu abwegig. 

Mit zartem Geplänkel hinein in Stücke, die „Change your Mind“ oder „Out of Reach“ heißen, das Tempo hochreißen, im Chor betörend singen, schließlich den Schlagzeuger wie einen Irren agieren lassen, die Gitarren hinterherjagen. Tanzbar ist das auch – zumindest für Leute, die ihre Gelenkschmiere noch beieinander haben. 

Gut gelaunt dem andrängenden Blödsinn die Stirn bieten – bis die Hütte wackelt (unbedingt „Ron Klaus Wrecked His House“ von Big Dipper wiederhören!). Nichts aber könnte den Bad-Moves-Pop besser definieren als jener Zweieinhalbminüter, der „Cool Generator“ überschrieben ist. 

Auch Weakened Friends haben vom Alternative-Sud geschlürft und ihr amerikanisches Jungsein furchtlos eingerührt. Von der Casco Bay in Maine kommt ein Trio, das sich aus Bassistin Annie Hoffman, Drummer Cam Jones und Gitarrenkünstlerin Sonia Sturino formiert. Lebensdruck und Tagesmisere wird hier eine Soundwand entgegengestellt, die jede Schwermut unter sich begräbt. Selten hat sich Exorzismus besser angehört als in dem superben „Blue again“. Sonia Sturinos Stimme – nach eigener Aussage „weird and shaky“ – schafft die beladene Seele nach draußen, forciert, zweifelt, kämpft. 

Höchst privat und wahrhaftig ist diese Musik von den Weakened Friends, stets unter konstanter Spannung gehalten, von unnachgiebiger Getriebenheit. Dass Saiten-Sprengmeister J Mascis (von dessen Neuheit bald zu berichten sein wird) den Single-Hit „Hate Mail“ fingerfertig durchfurchen darf, ist nur konsequent. Schließlich weiß man im Weakened-Friends-Universum, woher der explosive Wind weht. Wie in den zwei Minuten von „Early“ das Wesentliche verhandelt wird, ist beispielhaft in seinem Wechsel vom sachten, suchenden Einleitungsgeschrammel zur klärend-sengenden Ausbruchskraft. 

Jede auf dieser fordernden Platte dokumentierte Wendung ist ein Aufbegehren, eine Absage an Beliebigkeit und Selbsttäuschung. Was im Titelstück „Common Blah“ – welch ein famoser Albumname! – so flott, fast frohgemut daherkommt, ist grundiert von Dunkelheit, emotionaler Entäußerung. 

„Our Music is about self-awareness and finding it“, hat Songschreiberin Sonia Sturino einmal gesagt. Es ist ein Weg, der den Hörer mitnimmt. Nicht das Paradies markiert den Endpunkt dieses Debüts – jedoch ist „Good Friend“ eine hymnische Köstlichkeit, eine Offenbarung. Schönheit, schlingernd, galoppierend, dauernd.  

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen