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Philippe Jaroussky in der Alten Oper Den Schlummer ausloten

Der Countertenor Philippe Jaroussky beispiellos in der Alten Oper Frankfurt

11.11.2016 18:11
Bernhard Uske
Countertenor Philippe Jaroussky. Foto: AFP

Eine Ehrenrettung Georg Philipp Telemanns, des Zeitgenossen Johann Sebastian Bachs sollte der Abend der Frankfurter Bachkonzerte in der Alten Oper sein, zu dem das Publikum aber natürlich vor allem wegen des geliebten Countertenors Philippe Jaroussky mit seiner extrem hellen, zugleich leicht und nie schneidend, doch sehr prägnant geführten Stimme gekommen war.

Welt, gute Nacht

Da wurde im Programmheft mächtig ausgeteilt: eine gegenüber Telemann ungerechte Musikwissenschaft beklagt; mit Formulierungen wie „unendlich einfallsreich“ und „ungeheure Schätze“ die große Trommel gerührt; zuletzt wurden die „mehrere Tausend Kantaten“ dort und „gerade mal 200 erhaltenen“ hier, die 40 Passionen und 100 Oratorien gegenüber den je dreien Bachs aufgerechnet.

Der Beweis am lebenden Objekt fiel dann aber anders aus. Zwar setzte bereits zu Beginn engagiert und hauchfein das Freiburger Barockorchester unter Leitung seiner Konzertmeisterin Petra Müllejans in den beiden Passionskantaten „Der am Ölberg zagende Jesus“ und „Jesus liegt in letzten Zügen“ ein.

Aber der flächige, modulatorisch reizvolle Klangprospekt, vor dem sich die Solo-Stimme in einer recht einfach positionierten, doch in sich differenzierten Weise aussingen ließ – das konnte nicht an Bachs Subtilität und Verflochtenheit von Stimmen, von Klangbildern und rhetorischen Momenten heran.

Zu letzter Größe fehlt ja meist nur ein Kleines, aber groß zu sein, das ist ja auch schon was. Und Telemann holt aus seiner Dauer- und Vollproduktion doch Einiges heraus: viel farbige Dynamik, griffig und mit einiger Pauschalität, die manchmal wie verfrühte Filmmusik klang. Für Bachs Sonderstellung war dann die Kantate „Ich habe genug“ der schlagende Beweis. Auch Bach geht hier durchaus illustrative Wege, wie in der finalen „Basta“-Figur des „habe genug“, oder dem quirligen Zug im „Ich freue mich auf meinen Tod“. Das Klangnarrative wurde von den – spielen wäre das falsche Wort – Klang bildenden Freiburgern und deren solistischen Beiträgern überragend vermittelt. Aber eben noch viel mehr: eine je eigene, ebenfalls sprechende Form, eine darinnen und darüber ziehende Klanggestalt.

Mit einer Artikulationsofferte, die tief lotete, so hoch sie auch sang. Was Jaroussky und seine Musiker in der zentralen Arie „Schlummert nur, ihr matten Augen“ bot, war beispiellos. Ein formidables Einschlafen, das so perfekt in Form und Interpretation jenen Wunsch erfüllte, dass man darüber immer wacher wurde: „Welt, gute Nacht!“

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