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Philharmoniker Berlin Lust am Krach

Große Wirkung: Simon Rattle und seine Philharmoniker lassen sich zur Saisoneröffnung sensibel auf den klanglichen Reiz der Dritten Sinfonie von Witold Lutoslawski ein.

27.08.2012 16:15
Peter Uehling
Die Philharmoniker lassen sich zur Saisoneröffnung sensibel auf den klanglichen Reiz der Dritten Sinfonie von Lutoslawski ein. Foto: Peter Adamik

Den Berliner Orchestern gehen die Ideen aus. Am Konzerthaus beginnt ein neuer Chef, Iván Fischer, und sein originellstes Programm ist ein Rachmaninow-Abend. Marek Janowski setzt beim Rundfunk-Sinfonieorchester seinen Wagner- und Orchestererziehungskurs fort. Das Deutsche Symphonie-Orchester konzentriert sich auf seinen neuen Chef Tugan Sokhiev, der sich mit viel Musik aus seiner Heimat Russland vorstellen darf. Wären nicht die Berliner Philharmoniker und ihr stets neugieriger Chefdirigent Simon Rattle, man sähe der kommenden Saison ohne gesteigertes Interesse entgegen. In den letzten Jahren haben sich Rattle und seine Musiker immer wieder mit Luciano Berio befasst, in der am Freitag gestarteten Saison wird Witold Lutoslawski einen wichtigen Schwerpunkt bilden.

Anlass ist der hundertste Geburtstag des 1994 gestorbenen polnischen Komponisten am 25. Januar 2013. Doch die Auseinandersetzung ist in der Sache begründet und überfällig. Dank des „Konzerts für Orchester“ und der „Trauermusik“ für Streicher ist Lutoslawski kein Unbekannter, aber im Gesamtwerk repräsentieren diese Stücke seine Anfänge, obwohl er sie bereits jenseits der 40 schrieb. Lutoslawskis Entwicklung wurde durch den Zweiten Weltkrieg und die sozialistische Kulturpolitik behindert. Während der deutschen Besatzung schlug er sich als Unterhaltungspianist durch. In den ersten Jahren der Volksrepublik Polen hielt sich Lutoslawski mit pädagogischen Stücken und Schlagern über Wasser. Erst der „Warschauer Herbst“, jenes ab 1956 veranstaltete große Festival neuer Musik, mit dem der Osten Offenheit für die Moderne demonstrierte, gab ihm die Möglichkeit, neue Musik zu hören und zu schreiben.

Unter den Komponisten des 20. Jahrhunderts ist Lutoslawski der Architekt, der Sinfonie und Konzert mit neuem Leben füllte. Seine Meisterschaft war auch in Zentraleuropa nicht zu leugnen, doch hier befasste man sich vor allem mit Fragen der Materialerweiterung und des Musikbegriffs. Aufträge bekam Lutoslawski vor allem aus den USA oder von Stars wie Anne-Sophie Mutter oder Krystian Zimerman, und wohl nirgends ist sein stilistischer Einfluss größer gewesen als in Finnland, wo Komponisten wie Magnus Lindberg oder Esa-Pekka Salonen viel von der Klangpracht und formalen Weiträumigkeit ihres Vorbilds gelernt haben.

Es kann daher nicht überraschen, dass erst ein Dirigent von der britischen Insel kommen muss, um dem Berliner Publikum einen mehr als sporadischen Einblick in das Schaffen Lutoslawskis zu bieten. Rattle begann damit gleich im Eröffnungskonzert mit der Dritten Sinfonie, die der Komponist nach zehn Jahren Arbeit 1983 abgeschlossen hatte. Lutoslawski ging es nicht um Themen und Satzcharaktere, sondern um kaleidoskopische Wechselspiele unterschiedlich bewegter Klangfelder, die sich an formalen Knotenpunkten zu gewaltigen Steigerungen verdichten. Das hat in der Philharmonie große Wirkung, weil die Philharmoniker sich sensibel auf den klanglichen Reiz und den Ausdruck der kurzen Motive einlassen, aber auch mit Lust am Krach in die Lutoslawski-typischen Improvisationsabschnitte stürzen, bis Rattle die Führung übernimmt und die Kräfte bündelt.

Aufführung bannt die Distanz des Klassischen

Die Aufführung bannt in ihrer Intensität zwar die Distanz des Klassischen, die Lutoslawskis so skrupulös wie souverän komponierter Musik eigen ist. Dennoch wirken die Attraktionen der Dritten – dramatische Stringenz, das breite Spektrum klanglicher Zustände vom Sphärischen über den satten melodischen Strom bis zum Hämmernden – in einer Weise vorgeführt, die zu ihren inneren Beweggründen kaum vordringt.

Man mag gern glauben, dass ein Komponist, der in deutscher Gefangenschaft saß und als polnischer Intellektueller für den Abtransport in ein KZ vorgesehen war, derartige Erfahrungen aus seiner Kunst heraushalten möchte – allerdings möchte man nicht glauben, dass ihm die vollendete Abstraktion auch gelungen wäre. Lutoslawski verstand sich nicht als Chronist des Jahrhunderts wie Schostakowitsch, der seine Sinfonien zur gleichen Zeit schrieb. Dennoch: Die Steigerungen, die nach dem Verebben wiederkehren wie Alpträume, die ins Leere greifenden Zartheiten, die klangliche Brutalität unmittelbar daneben – sind das nicht Klangzeichen, die auf ihre interpretatorische Entzifferung warten? Man darf gespannt sein, was Rattles Engagement für Lutoslawski in weiteren Konzerten ab Februar zutage fördert.

Sein gleichwohl hochentwickeltes Sensorium für die formalen Momente der Dritten belegte am Freitag die Konfrontation mit Brahms’ Zweitem Klavierkonzert. Wie Lutoslawski ein Klassiker zu Lebzeiten, hat Brahms in diesem Konzert dennoch unklassisch komponiert: Großartig verrätselt ist die Form des Kopfsatzes, der mit einer Einleitung des Horns zu beginnen scheint, während das Tutti bereits ins zweite Thema überleitet. Rattle und sein Solist Yefim Bronfman lösen diese formalen Rätsel nicht auf, indem sie die Höhepunkte auf die vertrauten Positionen schieben, sondern geben jedem Moment seine individuelle Intensität. Brahms wirkt da plötzlich so bunt und impulsiv wie Lutoslawski, und der zweite Satz bekommt die Funktion, die zerstreuten Impulse auszurichten – allerdings in einer negativen Form als grollendes Scherzo. Eine bemerkenswerte Lesart, die von Bronfmans eher beflissenem als definitivem Spiel nicht gestört, aber auch nicht vertieft wird.

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