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Phil Cook In der Gospel-Scheune

Eine famose Rhythmussektion und vier überirdische Sängerinnen befeuern Phil Cooks „People Are My Drug“.

Menschen in Jeansjacken – abgewetzte Stücke, veredelt mit Aufnähern, Stickern – sind heutzutage jeder Beachtung wert. Eine aussterbende Spezies, letzte Künder einer Epoche, die längst ausgeschlachtet, verkauft, in Misskredit gebracht ist. Leute, die Tonträger noch mit einem wahnsinnigen Titel wie „People are my Drug“ kennzeichnen.

Allem Anschein nach ist Phil Cook ein freundlicher Mann: Brille und Locken und Lächeln im Gesicht, der Denim wie angegossen. Am Chippewa River in Wisconsin aufgewachsen, im ländlichen North Carolina wohnend, bearbeitet er Gitarre, Banjo, Piano. Diversen Großmusikanten hat er als Gastmusiker schon das Rückgrat gestärkt, sich in psychedelischen Folkformationen (Megafaun, Hiss Golden Messenger etc.) ausgetobt.

Nun also seine zweite Solo-Fuhre, beladen mit neun Songs – die Ernte all des Vorgelagerten, Erlebten einfahrend. Auf dem Vorgänger „Southland Mission“ befindet sich das Stück „Great Tide“, in dem „all my influences since I discovered my Dad’s LP-collection“ eingeflossen sein sollen. Der Vater war zweifellos in liebender Verehrung dem Heroen Lowell George und seiner Combo Little Feat zugetan, dem großen Southern Rock in funky.

Heute serviert Phil Cook „Tide of Life“, komponiert dereinst von den 1936 gegründeten Five Blind Boys of Mississippi. Der Gospel-Erbschaft erweisen sich alle Beteiligten mehr als würdig, schichten Stimmen und Töne aus übervollem Herzen. Überhaupt ist diese Band – die sich The Guitarheels nennt – ein grandioser Klangleib, gesegnet von einer in überirdischer Stimmigkeit agierenden Rhythmussektion. Neben Bassist Michael Libramento sind die Jazz-gestählten JT Bates am Schlagzeug und Pianist James Wallace zu nennen.

Was aber wären diese Könner ohne ihr Damenquartett, ohne Tamisha Waden, Chastity Brown, Molly Sarlé und Amelia Meath? Kaum ein Lied – Coverversionen von Randy Newman, Ted Lucas, MC Taylor und Allen Toussaint gehören zur Sammlung – in dem gesangliche Überwältigungen ausbleiben. Tatsächlich können diese Duette und Chorpartien zarteste Landschaften und wüsteste Einöden kreieren, den ganzen elegant-gefühlvollen Aufbau ins Chaos dirigieren.

„When I’m so tired of runnin’ this big machine.“ Der eröffnende „Steampowered Blues“ setzt sich gemächlich in Bewegung, swingt sich leichterhand an die Drei-Minuten-Grenze, um wunderbarerweise Tempo aufzunehmen, das Pianoperlende ins bandbreit Stampfende zu überführen, um endlich nach 4.15 Minuten langsam, langsam auszurollen. Der Cook’sche Pfad führt vom Schienenstrang zum Wasser, zum Mississippi, wo es sanft tupft und tropft – mit „Tupelo Child“ stehen wir am Ufer und sehen, wie die Welt älter wird.

„Deeper Kind“ schließt – groovend wie der Teufel – an, vertreibt den sentimentalen Anfall, nimmt zum Tanz in der alten Scheune mit. Chor und Band prägen einen Pulsschlag, der Fragen provoziert. Was wird passieren wenn sie gänzlich loslassen, alle Bremsen lösen?

Einstweilen bewegen wir uns mit diesem Album jedoch auf abendlichen Sonntagsveranden, treiben durch den Dixie-Fasching von New Orleans. Dass Mister Phil Cook seine musikalischen Unternehmungen als Ausdruck funktionierender Gemeinschaft und spirituellen Austausches versteht, darf in unserer Zeit durchaus als politische Erklärung verstanden werden.

Monolithisch im Herzen des Albums sind die fünfeinhalb Minuten von „Another Mother’s Son“. Ein prachtvolles Stück, Schmelz und Feuer und Raserei. Wie sich das weitet, changierend von Trauer zu Glückseligkeit, von Trab zu Galopp. Ein Gospel-Trip und, ja, ein Gottesdienst eigener Art.

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