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Phil Collins Vertrieben, verzweifelt, versöhnt

Er ist noch einmal auf Tournee gegangen. In Köln spielt Phil Collins gleich an mehreren Abenden für am Ende 75 000 Fans.

Phil Collins
Fotografen waren beim Kölner Konzert nicht erlaubt. Phil Collins hier im August 2016. Foto: Getty

Als das Licht ausgeht, zeigt ein einsamer Spot auf einen leeren Ledersitz mit Beistelltischchen. Dann humpelt Phil Collins auf die Bühne, gekleidet in gedeckten Farben, gestützt auf einen hölzernen Gehstock. Ein Pflaster über der linken Augenbraue, wo die Wunde genäht werden musste, die er sich nach einem nächtlichen Sturz in seinem Londoner Hotel zugezogen hatte. Was älteren Menschen zustoßen kann, wenn jeder Schritt zum unabwägbaren Risiko wird. Collins setzt sich auf den ledernen Drehstuhl zwischen zwei großen Standscheinwerfern, hakt den Stock an der Rückenlehne ein, das Publikum in der Kölner Lanxess-Arena aber erhebt sich geschlossen.

„Ich weiß, ich habe gesagt, Ich werde in den Ruhestand gehen. Aber um ehrlich zu sein: Ich habe euch vermisst“, radebricht der 66-Jährige auf Deutsch vom Zettel. Dann fängt er an zu singen, ohne große Gesten, einfach wie jemand, der in seinem Wohnzimmer sitzt und singt: „Take a look at me now“, „schaut mich an, wie ich jetzt bin“, man münzt die Zeile unweigerlich auf den zerbrechlich wirkenden Sänger, als wäre er wirklich „Against All Odds“ noch einmal auf Tournee gegangen, „gegen jede Chance“. Es ist ein wunderbarer und zugleich schmerzhafter, ein ergreifender Moment.

Doch der viel zu schnell gealterte Altstar ist erstaunlich gut bei Stimme. In London, bei seinen ersten Auftritten in der Royal Albert Hall, soll sie noch brüchig geklungen haben, am Sonntagabend in Köln trifft das keineswegs zu. 75 000 Fans werden sich hier fünf dicht aufeinander folgende Shows ansehen – „Not Yet Dead Tour“ hat Collins seine Rückkehr von den Totgesagten und Zu-Tode-Gedudelten genannt. Er legt gleich noch eine Ballade nach, „Another Day in Paradise“. Für die hat er seinerzeit, 1989, viel Kritik einstecken müssen, als Millionär, der das Mitgefühl für eine Obdachlose missbraucht, um noch mehr Tonträger zu verkaufen. Das muss man heute, wo Collins selbst wie ein aus dem Paradies Vertriebener wirkt, nicht mehr so harsch sehen: „Sie kann nicht mehr gehen, aber sie versucht es“, singt der 66-Jährige – und wieder klingt es wie ein verdecktes Selbstporträt.

Seine Band besteht zum größten Teil aus alten Mitstreitern, Musikern, mit denen er schon zusammen gearbeitet hat, als er noch nicht die Alleinherrschaft übers Formatradio übernommen hatte. Nur hinterm Schlagzeug sitzt ein echter Neuzugang: Collins’ 16-jähriger Sohn Nicholas. Der Vater leidet nicht nur seit einer Rückenoperation unter einem tauben Fuß, auch in seinen Fingern geben die Nervenenden keine Rückmeldung mehr, man wird ihn, den Ausnahmedrummer, wohl nie mehr Schlagzeugspielen sehen.

Vor ein paar Jahren habe sich Nicholas seine alten Platten angehört, erzählt der Sänger später, in der zweiten Hälfte des (mit 20-minütiger Pause) knapp dreistündigen Abends. Und ein Song, wenigstens einer, scherzt Collins, habe dem Sohn gefallen. „You Know What I Mean“, eine entfernt an Burt Bacharach erinnernde Scheidungsballade, spielen Vater und Sohn zusammen auf dem Klavierschemel sitzend. Nicholas’ Mutter hat sich von Collins scheiden lassen, nur um ihn ein paar verlorene Jahre später wieder zu heiraten.

Eigentlich sind fast alle seiner Balladen verzweifelte Bittschriften an Frauen, die sich von ihm trennen wollen – und fast alle seiner Uptempo-Stücke sind Liebesbriefe an Frauen, die der Sänger sich nicht anzusprechen traut. Das gilt auch für das zweite Genesis-Cover, das Collins an diesem Abend singt, „Invisible Touch“, das erste, „Follow You Follow Me“, ist vielleicht der einzige Song an diesem Abend, in dem der Sänger einfach nur glücklich und in sicheren Händen ist.

Auf den Vater-Sohn-Song folgt das Lied, das – Collins’ zufolge – wohl auf seinem Grabstein gemeißelt stehen wird: „In the Air Tonight“, mit maximaler Dramatik angekündigt und mit maximaler Ausdruckskraft ausgeführt. Ja, das will man vielleicht nicht mehr im Radio hören, aber hier und jetzt donnert es ganz gewaltig durch die Arena, darf die anheimelnde Normalität des Stars überdurchschnittlich durchschnittlichen Stars endlich auch einmal unheimlich wirken – und der Jubel ist beispiellos.

Nicht, dass man sich zwischendurch nicht auch mal tüchtig langweilen kann, wenn auf Motown-Cover („You Can’t Hurry Love“) Songs folgen, die wie schlechte Musical-Versionen von Motown-Songs klingen („Dance Into the Light“) oder zumindest wie geschickte Stilübungen in Sachen Funk („Hamg In Long Enough“), die auch nach 30, 40 Jahren nichts an Inhalt und Kontur gewonnen haben. Das gilt selbst für einen Überhit wie „Sussudio“ mit dem Collins in Bläser- und Konfettigewittern den regulären Teil des Konzertes beschließt. Klar, das ist ein toller Partytrack, aber eben eher für die After-Work-Party.

Collins war der fleißige, manchmal genialische Ingenieur, der maßgebliche Teile des Pop-Sounds der 80er entworfen hat. Große Melodien und Drum-Maschinen, die auf gewaltig verhalltes, von Hand gespieltes Schlagwerk treffen, aber manches ist auch im allzu biederen Handwerk stecken geblieben.

Der Abend endet mit einer im zehntausendfach verstärkten Chor vorgetragenen Bitte: „Take Me Home“. Das mag sich erneut an eine Ex-Frau richten – oder ans große Publikum, in dessen Häuser sich Collins zurückwünscht. Das ist viel mehr als nur ein Angriff der 80er Jahre auf die Gegenwart, hier kämpft ein einst allzu beliebter und zu Unrecht verteufelter Künstler um sein Erbe. Und hier, an diesem bewegenden Abend (und sicherlich auch an den vier folgenden) wird er von seinem Publikum bereitwillig, enthusiastisch aufgenommen. Der alte Mann und die breite Masse, sie haben sich wieder.

 

Lanxess Arena, Köln: 14., 15., 16. Juni.

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