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Oper Uraufführung von „Der Mieter“ in Frankfurt

Wer die Ordnung stört: Arnulf Herrmanns Oper pflegt keinen kruden Treppenhaus-Realismus.

Szene aus der Oper „Der Mieter“
Der Mieter, Björn Bürger, in der Psycho-Zelle. Und eine geisternde Anja Petersen. Foto: Barbara Aumüller

Die Wiederkehr des Immergleichen als tödliches Mietverhältnis: Ein junger Mann bezieht die Wohnung einer jungen Frau, die sich dort in den Tod stürzte. Er wird unter dem Druck derselben hausordnungsvernagelten Nachbarn so zerrüttet, dass er  in Identifikation der Frau zusehends gleich wird und zuletzt dasselbe Schicksal erleidet: Tod durch den Sprung.

Arnulf Herrmann hat auf das Libretto des österreichischen Autors Händl Klaus ein Werk geschaffen, das in der Oper Frankfurt seine Uraufführung erlebte. Der 49-jährige Händl Klaus, der als Schriftsteller bekannt wurde und sich als Librettist vor allem von Opern Georg Friedrich Haas’ einen Namen gemacht hat, bezieht sich auf Motive eines Romans von Roland Topor aus den frühen 60er Jahren, den auch Roman Polanski für seinen Film „Der Mieter“ von 1976 nutzte. Psycho-pathologische Prozesse um einen die kollektive Ordnung Störenden.

Der Geruch der guten alten Zeit

Das waren noch Zeiten, möchte man angesichts des modernen, Laptop-bewehrten Business-Nomadentums sagen, das temporär leere, mit einigen Design-Ikonen geschmückte Wohnungen anmietet und bald von anderen Zugvögeln der globalen Ökonomie abgelöst wird. „Hausgemeinschaft“, „nächtliche Ruhestörung“, „Putzordnung“, „kein Damenbesuch!“: Bei Händl Klaus riecht vieles nach der guten alten Zeit von Frau Struwwelisch & Frau Babbisch, nach Filzlatschen und Hausbesorgerin. Heute ist der die hippe Feier-Laune störende und seine Ruhe haben wollende „Selten-Fröhlich“ der Außenseiter, dem nichts anderes übrig bleibt, als mit einer Flasche Rotwein bewehrt bei den lauten Nachbarn zu klingeln, da er sowieso keinen Schlaf findet.

So retrospektiv die Anmutung des Opernstoffs auch sein mag – seine artikulatorische Realität ist à jour. Eigentümlich minimalistische Verknüpfungen und Verhäkelungen der kurzen, statement-artigen Sätze und Satzteile bis hinab zu einzelnen Worten entheben das Ganze dem kruden Treppenhaus-Realismus und lassen diskursive Gewalt bei höchster Beweglichkeit ihrer einzelnen Glieder entstehen. Was sowohl ein parodistisches als auch hypertrophes, gar klaustrophobes Element hat bis hin zum finalen Liebestod-Gestammel des Sprungbereiten mit seinem schon hinweggekommenen Alter Ego.

Die sich verbohrenden Floskeln der Nachbarn wie auch die Verwischungen von Realität und Projektion am Horizont des Mieters weisen dieselbe psycho-grammatische Verdichtung auf. Gerappter, sprechchöriger Wahn mit Steigerung hin zur Handlungsauslösung. Händl umgeht das meist problematische Wort-Ton-Verhältnis zeitgenössischer Musik, wo Sätze mit viel aussagelogischer Fracht in gequält wirkenden Formaten verbleiben müssen. Hier dagegen ergeben sich aus dem Granulat der gestanzten Satzteile doch immer genügend Kennungs-Elemente, die ein Charakter- und Sinnerfassen auch ohne Halsrecken nach den Übertiteln ermöglichen.

Neue Musik im Format von Heavy Metal

Komponist ist der 1968 in Heidelberg geborene Arnulf Herrmann. Er war in Frankfurt bereits mit einem Werk präsent: „Wasser“, das im Jahr 2012 die Oper Frankfurt in Kooperation mit der Münchener Opern-Biennale produzierte. Damals gab es eher mäandernde Klangprozesse, jetzt harte, stoisch wirkende Intervallschritte einer repetitiven, redundanten, ja stumpfsinnigen Atmosphäre. Das „Wozzeck“-Ambiente von Alban Berg klingt an, die Passacaglia-Formate des Beharrenden und Verknoteten. Korrespondierend zu dräuendem tiefem Blechbläsergebrodel und hart durch das Auditorium – auch durch die Lautsprecher der Ränge – krachende Schläge. Stellenweise ist das Neue Musik im Format von Heavy Metal: kalt-feurig, brutal-kontemplativ mit wenig Helligkeit. Gesanglich ist fast alles syllabisch strukturiert. Silbe gleich Ton.

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