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Oper "Tannhäuser" in Oslo Die raue Wirklichkeit da draußen

Oslo ist im Opern-Europa angekommen: Mit Stefan Herheims Inszenierung von Wagners "Tannhäuser" hat das neue Opernhaus in Norwegens Hauptstadt seine Feuertaufe bestanden. Von Joachim Lange

16.03.2010 00:03
Joachim Lange
Tannhaüser
Tannhäuser oder der Sieg der Heilsarmee in Oslo. Foto: Erik Berg

In Oslo kann man nicht nur für einen tollen Fjordblick auf dem Dach der neuen Oper spazieren gehen und seine Garderobe nebst Straßenschuhen in einem von Olafur Eliasson gestalteten Bereich deponieren. Hier geizt das Publikum selbst bei Wagners "Tannhäuser" nicht mit Szenenapplaus. Diese Unbefangenheit im europäischen Norden hat Charme und ist nicht einmal allzu erstaunlich, wenn ein Team wie Regisseur Stefan Herheim und Ausstatterin Heike Scheele am Werke ist.

Der zurzeit in der Opernwelt berühmteste Norweger machte die jüngste Osloer Wagner-Premiere nicht nur zu einem überregionalen Ereignis, weil er alle seine (in Salzburg und Bayreuth, Essen und Brüssel, Berlin und Stuttgart erprobten) Bühnenregister zieht. Er hat das 500 Millionen Euro teure Haus, das offiziell schon vor knapp zwei Jahren - freilich noch ohne eigene Opernproduktion - eingeweiht wurde, jetzt vor seine eigentliche künstlerisch logistische Bewährungsprobe gestellt. Und das Haus hat mit Bravour bestanden.

Erst jetzt kommt das Gebäude nicht nur mit der demonstrativen Offenheit seiner an verkantete Eisschollen erinnernden Architektur, den standortbezogenen Materialanspielungen von Glas, Aluminium, Marmor und Holz, auf Wasser, Eis und Wälder, sondern vor allem mit seiner exzellenten Akustik im holzdunklen, einem traditionellen Ränge-Theater nachempfundenen, knapp 1400 Plätze fassenden Zuschauerraum voll zur Geltung. Hier kann sich der Orchesterklang wunderbar entfalten und sängerfreundlich mit den Stimmen mischen.

Christian Badea und sein Orchester lassen keinen Zweifel an der vorzüglichen Akustik zu, auch wenn sie Glück haben, dass der Bühnenzauber von mancher Grobheit im Graben ablenkt. Das Ensemble erreicht zwar nicht bei jeder Rolle das Niveau der tonschön aufblühenden Elisabeth von Elisabeth Strid, aber Gary Lehmanns Heinrich hat Kondition und kein Problem mit der Romerzählung; Judit Némeths Venus verströmt auch stimmliche Sinnlichkeit, Geert Smits nutzt seine Wolfram-Vorlagen, und auch die übrige Sängermannschaft und der Chor schlagen sich wacker.

Pseudoreligiöse Scheinmoral entlarvt

Auf der Bühne beginnt der Sängerkrieg mit einem szenischen Prolog, der das neue Haus und die Oper im allgemeinen mit selbstironischem Witz feiert, die künstliche Welt der Oper mit der rauen sozialen Wirklichkeit konfrontiert und schließlich eine pseudoreligiöse Scheinmoral entlarvt, bei der die Vertreter einer christlichen Mainstream-Moral ihre Masken fallen lassen und in der Manier eines populistischen Mobs auf einen Außenseiter losgehen.

Der Auftakt ist ein Wunder an Kulisse, Technik und Phantasie: Frau Venus bietet ihrem Heinrich einen Schnelldurchlauf der Hitliste des Opernrepertoires: Atemberaubend, wie da die Königin der Nacht, Carmen, Wotan, die Eboli, Siegfried, Madame Butterfly und all die andren aufkreuzen und sich den Rang abzulaufen suchen, während Tannhäuser in der Loge wegnickt, dann weg will und schließlich weg kommt. Wenn der ganze Fundus-Plunder in der Versenkung verschwindet, findet er sich in seinem alten Leben als Heilsarmist in einer Osloer Straßenszene zwischen Stadtstreichern wieder.

Seine Kollegin und wohl auch heimliche Geliebte Elisabeth stürmt dann nach der Pause in die Zentrale ihrer Truppe, wo ihr Gruß an die teure Halle zum Weckruf für die dort nächtigenden Unbehausten wird. Der Sängerwettstreit ist zunächst eine bieder vereinsmeiernde Angelegenheit bei Kaffee und Kuchen, artet aber beim Reizwort Venusberg gefährlich aus. Da legen die professionellen Gutmenschen ihre Uniformjacken und mit ihnen jede pseudoreligiöse Sanftmut ab und wollen dem abtrünnigen Tannhäuser tatsächlich ans Leben. Für den bleibt (hier mal überzeugend hergeleitet) als Fluchtweg nur die Pilgerfahrt nach Rom.

Bei seiner Rückkehr sitzt Elisabeth immer noch, mittlerweile irre geworden, in den Trümmern der auseinander geflogenen Heilsarmeewelt. Sie flüchtet sich in eine Scheinexistenz als Theater-Maria. Doch auch den Triumph, den die wieder auftauchende, entfesselte Welt der Oper am Ende noch einmal feiert, wenn sie Heinrich in eine Minnesängerkluft steckt und sterbend integriert, wird durch die falschen Operngesten des Personals gebrochen, über die nur der zu Einsicht gekommene Wolfram schier verzweifelt. Der Schein-Triumph auf der Bühne wird in Wahrheit, also im Saal, dank Stefan Herheim, aber dann doch ein echter. Damit dürfte Oslo in Opern-Europa angekommen sein.

Den Norske Oper, Oslo: 21., 24., 27. März. www.operaen.no

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