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Oper "Notre Dame" in Dresden Fünf Minuten Rückschau

Die Semperoper hat die 1914 uraufgeführte Oper "Notre Dame" ausgegraben. Franz Schmidts Musik klingt wie weichgespülte Spätromantik. Doch das Publikum würdigte die Anstrenung. Von Joachim Lange

22.04.2010 00:04
Joachim Lange

Der 1874 in Preßburg geborene und 1939 in der Nähe von Wien gestorbene Komponist Franz Schmidt und die zwei Opern, die er hinterließ, sind heute so gut wie vergessen, im doppelt verdunkelnden Schatten von Richard Strauss und dessen avantgardistischen Gegenspielern.

Die Dresdner Semperoper hat jetzt die 1914 in Wien uraufgeführte Oper "Notre Dame" ausgegraben. Am Pult der Sächsischen Staatskapelle, deren Chef Fabio Luisi sich kürzlich türenknallend und vorzeitig aus Dresden verabschiedete, suchte Gerd Albrecht den großen, pathetischen Ton für Schmidts Version der Victor-Hugo-Geschichte von Esmeralda und Quasimodo.

Schmidts Musik klingt wie weichgespülte Spätromantik, wagnert und mahlert unüberhörbar, schwebt im besten Falle in nicht allzu großem Abstand zwischen Strauss und Schreker, findet mitunter ihren eigenen stimmentragenden Sog, geht sich dann aber immer wieder in einem erstaunlich hemmungslos wabernden, geradezu cineastischen Breitbandsound selbst verloren. Süffig ist das, auch wenn Gerd Albrecht vielleicht zu grell auf Transparenz setzt und die Möglichkeiten der Dresdner Orchester-Opulenz eher sparsam nutzt.

Erstaunlich, dass man den reichlich zweieinhalbstündigen Dreiakter drastisch auf zwei Brutto-Stunden gekürzt hat, wenn man sich schon zu einer Ausgrabung durchringt. Ins allgemeine Repertoire wird "Notre Dame" ohnehin nicht zurückkehren. Zum Glück vermeidet Regisseur Günter Krämer eine realistisch nacherzählte Herz-Schmerz-Blut-Geschichte über das Schicksal der unter Zigeunern aufgewachsenen Esmeralda, die zwischen die Obsessionen von vier Männern gerät und am Ende unschuldig hingerichtet wird. Er schafft eine stilisierte Distanz, in die dann auch gegenwärtig Unabgegoltenes zumindest andeutungsweise einströmt, ohne dass es gleich plakativ illustriert wird.

Krämer setzt den Rahmen einer Lebens-Rückschau Esmeraldas kurz vor ihrer Hinrichtung. In einem grell ausgeleuchteten, perspektivisch überzeichneten Raum wartet die blond ondulierte junge Frau im orangefarbenen Overall auf ihre Hinrichtung im modernen US-amerikanischen-Stil. Die Uhr zeigt fünf vor zwölf, für die verbleibende Zeit löst sich Camilla Nylund (mit gut konditioniertem, wenngleich nicht ans Herz greifendem Sopran) aus dem elektrischen Stuhl für episodenhafte Begegnungen mit ihren Männern: Mit Gringoire (Oliver Ringelhahn), den sie nur zum Schein geheiratet hatte, um ihn zu retten, der aber gleichwohl aus Eifersucht den Hauptmann Phoebus (etwas angestrengt, aber überzeugend: Robert Gambill) erschießt, als sie sich gerade auf dessen Begehren einlassen will. Schließlich jene verhängnisvolle mit dem Archediakon, den Markus Butter mit bester Baritoneloquenz als Priester zeigt, der mit seiner sexuellen Obsession für Esmeralda nicht fertig wird, sich selbst geißelt und sie schließlich ans Messer liefert, um von ihr loszukommen.

Den auf der Hand liegenden Verweis auf die laufende Missbrauchsdebatte hält Krämer dabei opernverträglich in der Schwebe, ohne sie zu ignorieren. Quasimodo schließlich, ein gutmütiger Brummbär, den Jan Hendrik Rootering am Ende ziemlich wütend werden lässt, kann Esmeralda auch mit dem Kirchenasyl nicht mehr retten.

Zwar gerät der Auftakt mit der Rückerinnerung am Ende aus dem Blick, doch wirken die übergroßen Notre-Dame-Lettern, mit denen Herbert Schäfer nach der Pause in der Manier einer düsteren Kirchenarchitektur die Bühne füllt, ebenso überzeugend wie die optische Reduzierung des Chores auf eine Spießbürgergesellschaft, die erst die Rettung Esmeraldas bejubelt und dann ihre Hinrichtung verlangt. So schwelgerisch gegenwartsfern, wie es sich über weite Strecken anhört, ist diese Geschichte also gar nicht.

Zur finalen Katastrophe dann zeigt die Uhr auf der Bühne zwölf. Das Publikum würdigt die Anstrengung angemessen.

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