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Oper München Vom Regen in die Traufe

Die Münchner Staatsoper startet mit einer musikalisch exzellenten und szenisch düsteren „Rusalka“ von Antonin Dvo?ák: An der Spitze des bis in die kleinste Partie erstklassig besetzten Ensembles überzeugte die junge Lettin Kríst?ne Opolaís mit einem fulminanten Auftritt.

25.10.2010 18:36
Joachim Lange
Das Aquarium ist für die Nixe Rusalka (Krístine Opolaís) auch nicht schlimmer als die Freiheit drumherum. Foto: Wilfried Hösl

In München hatte es im Vorfeld der neuen „Rusalka“ einen Jagdunfall mit Rauschen im Blätterwald gegeben: Martin Ku?ej wollte ein echtes totes Reh auf der Bühne verwenden. Eine Prise Hermann Nitsch schadet ja nie, wird sich der Kärntner gedacht haben. Das künstlich nachgebildete, das jetzt nach allerlei Protesten und Einsprüchen verwendet wurde, erfüllt aber auch seinen Zweck. Es hängt, wie zur Begrüßung Rusalkas bei ihrer Ankunft in der Menschenwelt, an einem Gerüst, der Jäger schlitzt es auf, nimmt es aus und zieht das Fell ab.

Für die Nymphe, dieses originäre Naturwesen, das unbedingt ein Mensch werden will, muss das besonders brutal und grotesk wirken. Ungefähr so grotesk wie dann die Männer und Frauen in weißen Brautkleidern, die zum großen Fest anrücken und dabei mit Tierkadavern in den Armen einen danse macabre zelebrieren. Oder wie die versammelten Gäste, die dem fremden, verstörten Wesen in allen möglichen Varianten einer kleinbürgerlich-alpenländischen Mir-san-mir-Folklore entgegentreten. Und so bewegt sich die plötzlich aufgetauchte Fremde unsicher in den roten Stöckelschuhen, die Je?ibaba (Janina Baechle) ihr für ihren Ausflug in die Menschenwelt verpasst hat. Sie knickt immer wieder um, bei ihren Gehversuchen auf dem fremden Parkett und spricht obendrein auch die Sprache der Menschen nicht, unter die sie da geraten ist. Sie spricht überhaupt nicht. Da wird dann die Neugier schnell zum Ressentiment, ja zu dumpfem Hass und einer Ablehnung, der auch der Mann, der Rusalka eigentlich heiraten will, alsbald anheimfällt.

Wenn sie dann noch mit ansehen muss, wie die offenherzige fremde Fürstin (furios: Nadia Krasteva) ihren Liebsten im Handumdrehen verführt, dann bleibt ihr nur der Sprung ins Aquarium.

Doch hier ist Rusalka von einer Hölle in die andere gekommen. Kusej und sein Bühnenbildner Martin Zehetgruber zeigen die Welt, der sie entfliehen wollte, als eine Art unterirdisches Fritzl- oder Kampusch-Gefängnis. Den berühmten Mondschein und die Waldeinsamkeit, diese Aura eines lyrisch schimmernden Feuchtbiotops, in dem sich die Nymphen tummeln und der Wassermann und die Hexe Je?ibaba ihr Unwesen treiben, sind in der szenischen Sprache von Ku?ej und Zehetgruber nur Bilder der Erinnerung. Vor einer Landschaftstapete mit See- und Bergpanorama, aus der ein Stück herausgeschnitten und nicht ganz passend angelehnt ist, ist der Wassermann ein vitaler Unterschichten-Macho in Trainingshose, Unterhemd und Bademantel.

Dann fährt der Bühnenboden plötzlich nach oben. In dem feuchten Kellerverließ, das jetzt sichtbar wird, halten er und seine zum Fürchten missmutige Je?ibaba ein gutes halbes Dutzend junger Mädchen gefangen. Die werden nach Lust und Laune missbraucht. Rusalka singt hier nicht den Mond selbst, sondern einen leuchtenden Mondglobus an, um ihn dann zu zertrümmern.

Mag sein, dass der Verweis auf die spektakulären Inzest- und Missbrauchsfälle der letzten Zeit etwas zu deutlich geraten ist, doch dass Rusalka hier raus will, ist höchst nachvollziehbar. Dass sie später hierher zurück will, zeigt nur, wie tief die Enttäuschung über den Ausflug in unsere Welt sitzt. Ku?ej bringt seinen Ansatz und die Vorlage in einer Art von klinischem Raum zwischen Kinderheim und Psychiatrie wieder zusammen. Die Polizei nimmt den Wassermann/Fritzl fest und die Mädchen finden sich in weißen Kitteln zwischen Bettgestellen wieder. Hier, in diese Welt zwischen Leben und Tod, dringt auch der Prinz am Ende ein und bringt sich vor Rusalkas Augen um.

Dass Martin Ku?ej mit seiner reflektierenden Opulenz einem Teil der Publikumserwartungen nicht entsprach, entlud sich in deutlichen Buhs für das Regieteam. Für die Interpreten freilich war der Beifall einhellig. Dvo?áks Landsmann, der Dirigent Tomá? Hanus, entlockte dem Bayerischen Staatsorchester mit idiomatischer Sicherheit nicht nur die lyrischen Feinheiten der Musik, sondern er lieferte auch den untergründig brodelnden romantischen Schauer mit. An der Spitze des bis in die kleinste Partie erstklassig besetzten Ensembles überzeugte die junge Lettin Kríst?ne Opolaís mit einer fulminanten Rusalka. Dass sie für diese Rolle ihr Debut an der New Yorker Met sausen ließ, dürfte sie wohl nicht bereuen. Ebenso großformatig war der Wassermann von Günther Groissböck. Und als tragischer Märchenprinz ist auch der Tenorstrahlemann Klaus Florian Vogt allemal erste Wahl. Mithin: ein gelungener Saisonauftakt in München.

Bayerische Staatsoper, 28., 31. 10., 4.11. www.staatsoper.de

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