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Oper Genf Mykenes Vorstadthölle

Alptraum Familie: Christof Nel gelingt an der Genfer Oper eine eindrucksvoll archaische „Elektra“. Er stellt sie seinem atemberaubend konkret verorteten "Salome"-Thriller aus Frankfurt an die Seite. Nel spürt bei allen Figuren zunächst das Trauma auf, lässt es dann aufbrechen und eskalieren.

16.11.2010 13:46
Joachim Lange
Im allgemeinen Untergang begriffen: Roland Aeschlimanns „Elektra“-Bühne. Foto: Vincent Lepresle/GTG

Im Grand Théâtre in Genf hat Christof Nel nun seinem atemberaubend konkret verorteten Frankfurter „Salome“-Thriller eine überzeugende archaische „Elektra“ an die Seite gestellt. Am Ende ist der fensterreiche Palastturm, den Roland Aeschlimann auf die Genfer Drehbühne gebaut hat, ein Trümmerhaufen. Und die problematischste aller Problemfamilien, die darin hauste, ist es sowieso. Der „Elektra“ von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal steht auch nach über 100 Jahren Bühnenleben nicht viel an der Seite, das diese geballte Ladung Abgrund überbieten könnte.

Da wird einer Mutter das Baby entrissen, weil man einen Orakelspruch überlisten will, wodurch man ihm in die Falle geht. Da lässt sich die Mutter, Jahre später, vom Liebhaber verführen, ihren aus dem Krieg heimkehrenden Mann zu ermorden, was ihr fortan den Schlaf raubt. Da lebt eine Tochter nur noch für den Gedanken an Rache für den Mord am Vater, während ihre Schwester an ein „Weiberleben“ mit Mann und Kindern für sich glauben möchte. Da kommt schließlich der totgeglaubte Bruder zurück und fügt den Blutbädern sein eigenes hinzu.

Christof Nel webt die Vorgeschichte des Rache-Einakters als Rückblende in die Anfangsszene ein, während die Mägde in ihren gouvernantenhaften Kostümen (Bettina Walter) versuchen, das Blut am Boden am fünfstöckigen Hochhaus-Turm wegzuscheuern. Der wuchtige Bau ohne Dach, mit aufgerissenen Wänden und Balkonen ohne Geländer dreht sich häufig in einer alptraumartigen Welt zwischen Dunkelheit und kaltem Licht und schwebt irgendwo zwischen den Epochen, zwischen Mykene und Vorstadthölle. Mit seinem in die Vergangenheit geweiteten Blick nimmt Nel der Königsmörderin Klytämnestra die Aura des Verruchten. Sie steht hier nicht außerhalb des Nachvollziehbaren, bleibt, zumal als Mutter, Teil einer tragischen Familie. Im Schlussbild liegt die von ihrem Sohn Orest ermordete Klytämnestra folgerichtig auf dem Schoß ihrer Tochter Chrysothemis.

Auf makabre Weise vereint

Wenn Elektra schließlich nach ihrem triumphierend gestampften Tanz über beiden zusammenbricht, dann ist die Familie auf makabre Weise vereint. Auch Orest (sehr berührend: Eglis Silins) kann sich jetzt, nach seinem Racherausch, nur noch aufrechthalten, weil er von seiner Schwester mit letzter Kraft gehalten wird. Die letzten Orest-Rufe von Chrysothemis (die Erika Sunnegardh mit jugendlich leuchtender Emphase ausstattete) sind hier die pure Verzweiflung.

Das eindrucksvolle Schlussbild ist das Fazit einer genauen Figurenzeichnung. Nel spürt bei allen zunächst das Trauma auf, lässt es dann aufbrechen und mit tödlicher Konsequenz eskalieren. Wo nun in den zentralen Begegnungen Elektras – mit Schwester, Mutter, Bruder – dieses Trauma zunächst nur brodelt, da treffen sich die psychologisierende Sicht Nels und die eher zurückgenommen federnde, französisch beredsame Lesart des Strauss-erfahrenen Stefan Soltesz am Pult des Orchestre de la Suisse Romande. Wenn aber dann die Obsessionen auf- und die Emotionen ausbrechen, vor allem aber wenn der Blutrausch eskaliert, dann finden die musikalische und die szenische Lesart nicht mehr so überzeugend zusammen, wie es etwa Eva Marton als souveräner und durchweg ohne aufgesetzte Hysterie auskommender Klytämnestra und Jeanne-Michèle Charbonnet als Elektra in ihrer Begegnung exemplarisch gelingt.

Dass Stefan Soltesz die „Elektra“ nicht (wie vorher seine „Salome“) aufpeitscht, sondern eher deeskaliert, nimmt zwar auf Charbonnets Begrenzungen in der Höhe Rücksicht. Es steht aber doch in einem gewissen Widerspruch zur Vehemenz der „Elektra“-Welt auf der Bühne.

Grand Théâtre de Genève: 16., 19., 22., 25. November. www.geneveopera.ch

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