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Oper Frankfurt Träumereien am Tresen

Nach 25 Jahren versucht sich die Oper Frankfurt wieder an „Hoffmanns Erzählungen“ - diesmal in der französischen Originalsprache.

04.10.2010 22:10
Hans-Klaus Jungheinrich
In „Hoffmanns Erzählungen“ trifft man sich diesmal allenthalben an der Bar. Mitte: Alfred Kim in der Titelrolle. Foto: Wolfgang Runkel

"Tristan und Isolde“ oder „Hoffmanns Erzählungen“, welcher der beiden Repertoireopern gebührt die Krone, die romantischste zu sein? Der Rausch herrscht in beiden. Musikalisch regiert er in Jacques Offenbachs Stück in milderen Ausprägungen, etwa in der aus den erfolglosen „Rheinnixen“ übernommenen Barcarole. Die Berufung auf die erotischen Phantasmagorien der deutschen Künstlergestalt E.T.A. Hoffmann führen jedoch ins Innerste der Romantik, und gerade das Geklittert-Unfertige der Offenbach-Oper (ihre obsessive Deutschheit kommt aus Paris wie die Verwandte eines Heinrich Heine) lässt sie am Essenziell-Romantischen partizipieren. Jetzt wurde wohl erstmals in Frankfurt in der französischen Originalsprache („Les Contes d’Hoffmann“) neu inszeniert.

Der aktuellen Aufführung war indes jegliche Romantik – was immer man genau darunter verstehen mochte – gründlich ausgetrieben. Boris Kudlickas Bühne, ein meist kahl anmutender (akustisch nicht unproblematischer) Rechteckkasten mit Quadratmustern und periodisch flimmernden Lichtstäben, versah Lutters Weinkeller mit dem Charme eines vom strengstmöglichen Stilberater entworfenen Bankfoyers. Zum dominierenden Möbelstück wurde eine Bartheke. Am Tresen lungern die jeweils gerade unbeschäftigten Akteure regelmäßig herum. Auch – ein seichter Einfall – die drei Frauen, wenn sich ihre Geschichten in Hoffmanns Träumereien während des Klein-Zack-Liedes zu verdichten beginnen.

Die Personenregie von Dale Duesing bot solide Hausmannskost, nichts Aufregendes. Große Theatermomente fehlten an diesem Abend ebenso wie ein im Gedächtnis bleibendes szenographisches Signet (in Herbert Wernickes Frankfurter „Hoffmann“ mit William Cochran vor 25 Jahren war es das Leitmotiv eines Spitzweg’schen Regenschirms).

Für die puppenhafte Olympia (Brenda Rae lieferte ihre Koloraturen zuverlässig ab) waren liebevoll einstudierte Roboter-Choreographien aufgeboten. Am meisten verschenkt in diesem Akt schien das parodistische Chor-Menuett (zu einer aufwändig-wirkungsarmen Parade von Marionetten, die an einem Gestell hoch über den Köpfen entlangschwebten), auch wegen der eine spezifischere Aussage verweigernden Yuppie-Kostüme (Arno Bremers) des Sangeskollektivs. Dieses, von Matthias Köhler einstudiert, wirkte in der gemischten Formation homogener denn anfangs als Männerchor.

Erstaunlich zäh auch der Antonia-Akt, der auch seitens des ansonsten umsichtigen und für lebhafte Orchesterdiktion sorgenden Dirigenten Roland Böer noch einige Befeuerung vertragen hätte. Mit dem unendlich rührenden, ingeniös-tapsigen Couplet des Dieners Franz (stimmschön: Peter Marsh) konnte Duesing leider gar nichts anfangen; die zweite Strophe wurde schlicht gestrichen.

Man vertraute sich Offenbachs wunderbarer Generosität nicht an, hier einmal die vernünftigen dramaturgischen Proportionen zu missachten und eine Nebenfigur zu emanzipieren. Als Antonia bewundernswert die kurzfristig eingesprungene Sylvia Hamvasi, eine warm timbrierte, in der Höhe mühelos aufleuchtende Sopranstimme. Der besonders „romantischen“ Pointe, die drei Frauenvisionen von nur einer Darstellerin verkörpern zu lassen (im vorletzten Frankfurter „Hoffmann“ mit Solti war’s die junge Anja Silja), wollte man sich nicht anheim geben, und so trat als Giulietta die mit kühler Souveränität intonierende Claudia Mahnke auf.

Im Nachspiel fehlte der Auftritt Stellas, die Hoffmann vom dämonischen Intriganten Lindorf abgejagt wird. Die meisten „Hoffmann“-Aufführungen enden mit dem zynischen Fingerzeig auf den im Punsch-Delirium versunkenen Dichter und der rausschmeißerischen Wiederholung des Klein-Zack-Liedes. Offenbach hinterließ keine definitive Lösung für sein „Hoffmann“-Finale.

Hier immerhin zeigte die neue Frankfurter Bemühung (Dramaturgie: Norbert Abels), gestützt auf Fritz Oesers Werkfassung, mehr Ambition. Es war folgerichtig, dass sie der Dichterfigur die Demütigung einer dem Feind Lindorf nuttenhaft sich fügenden Stella ersparte. Denn es ging jetzt ernstlich um Überhöhung, ja Verklärung des romantischen Künstlers, ein Gedanke, der auch Walter Felsenstein bei seiner berühmten Berliner Version vor 50 Jahren umtrieb. Er bewerkstelligte Hoffmanns Apotheose mit Hilfe eines die melodramatische Sprechstimme der Muse untermalenden Melodiemotivs aus dem Giulietta-Akt – eine philologisch höchst anfechtbare, aber in ihrer Wirkung überzeugende Maßnahme.

In Frankfurt verknüpfte sich der handlungsdynamisch an sich mutige und auf schöne Weise poetische Schluss aber mit einer schwächelnden, auch hinsichtlich des Chores aus dem Off uninspiriert-konventionellen Verklanglichung, die nach den vorausgegangenen musikalischen Illuminationen eines imposanten Opern-Solitärs doch nicht recht befriedigte.

Als leibhaftiges Prinzip des Bösen amtierte Giorgio Surian (Rollendebütant wie alle anderen Sänger dieses Abends außer der gastierenden Antonia) als Lindorf/Coppelius/Mirakel/Dapertutto schauspielerisch eher bedächtig, aber mit charaktervoller Vokal-Intensität. Alfred Kims Hoffmann überraschte mit reichem, noch im Giulietta-Akt unermüdeten tenoralen Fundus, wenn auch einer etwas begrenzten Ausdrucksvariabilität. Die Regie akzentuierte ihn im Übermaß als eine sturzbesoffen schwankende und schlingernde Jammerfigur, fast als Comicgestalt, jede Grandeur eines Visionärs und Dichters schien ihm versagt. Konträr zeigte Jenny Carlstedt als Nicklausse und final als Muse neben profunder Altstimme eine unfehlbar sparsam-exakte Körpersprache.

Oper Frankfurt: 7., 10., 14., 23., 29.Oktober. www.oper-frankfurt.de

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