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Oper Frankfurt Nähe und Distanz

Tanja Ariane Baumgartner singt Lieder.

Tanja Ariane Baumgartner
Tanja Ariane Baumgartner im Frankfurter Opernhaus. Foto: Barbara Aumüller

Mehrfach hat der Bariton Christian Gerhaher darauf hingewiesen, dass ihm die Texte, die Johannes Brahms für seine Lieder wählte, zu oft zu schwach seien. Daran ließ sich denken, während Tanja Ariane Baumgartner nun beim letzten Liederabend der Saison in der Oper Frankfurt aus den „Zigeunerliedern“ op. 103 vortrug. Hier ein ironiefreier Abgrund an Schlagerpeinlichkeit, dort die Noblesse der Sängerin, die sich lächelnd darauf einließ. Gewissermaßen erhöhte sie die Texte auch mithilfe der Musik und ihrem an diesem Abend in der (selteneren) Höhe glänzenden, aber doch vor allem Richtung Alt ausgeloteten Mezzosopran. „Brauner Bursche führt zum Tanze, sein blauäugig schönes Kind; schlägt die Sporen keck zusammen, Csárdás-Melodie beginnt.“ Tatsächlich ist es gut, wenn eine Sängerin wie Tanja Ariane Baumgartner sich dessen annimmt, eine wunderbare, disziplinierte und doch natürlich wirkende Darstellerin, die keine Probleme damit hat, Abstand und Hingabe zugleich zu vermitteln.

Baumgartner, seit 2009 Ensemblemitglied der Frankfurter Oper und vom Publikum herzlich zum Heimspiel begrüßt, ist auch deshalb eine so interessante Liedinterpretin, weil sie im kleinen Format offenbar ausprobiert, wohin ihre Stimme in diesen Jahren geht. Eine warme Fülle und eine gewisse Behäbigkeit, die in keinem Zusammenhang, wenn überhaupt in einem reizvollen Kontrast zu ihrem agilen Auftreten steht, führte sie zunächst noch zu „Zwei Gesängen für eine Altstimme mit Viola“, ebenfalls von Brahms. Apart konnten sich Stimme und Streichinstrument umeinanderschlingen, beide einander ähnlich in der Zwischenlage: höhenfähig und doch gleich wieder ins Cellohafte abgedunkelt. Es spielte der hinzugetretene Philipp Nickel, Solobratschist des Opern- und Museumsorchesters, am Klavier saß Malcolm Martineau, ein sorgfältiger Begleiter mit bezaubernden Nachspielen.

Nach Brahms ging es zu einer Gustav-Mahler-, Hugo-Wolf- und Richard-Strauss-Auswahl. Das Noten- und Textpult (von Christian Gerhaher seit Jahren verwendet und empfohlen) signalisierte dabei weniger Unsicherheit als eine Arbeit im Prozess. Die Naivität der Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ ist – dies nun wirklich ganz anders als die Brahms-Titel – durchtrieben und bei aller Spaßigkeit sardonisch. Ungemein charmant Baumgartners Umgang damit, ein großes Vergnügen das „Aus! Aus!“ im „Aus! Aus!“. Überhaupt überzeugte die respektlose, dafür farbenreiche Seite, auch im „Lob des hohen Verstandes“ („Kuckuck, kuckuck! I-a!“).

Hugo Wolfs Goethe-Lieder nach der Pause waren der moderner wirkende Block gegenüber den folgenden Strauss-Liedern. Auch hier gelang es Baumgartner, den Gegensatz zu nutzen, dem Mageren, etwas Zerquälten der Mignon-Gedichte Kontur zu geben und im Anschluss in „Ich trage meine Minne“ die Strauss-Melodien blühen zu lassen. Kein Wunder, dass die Opernsängerin aus der ohnehin Arabella-nahen „Heimlichen Aufforderung“ eine Opernszene machen konnte, nicht weil sie übermäßig aus sich herausgegangen wäre – Abstand und Nähe, da hat sie, wie gesagt, kein Problem bei der Austarierung –, sondern weil ihre Stimme ins Erzählen und Erleben kam.

Der Programmabschluss war bereits eine typische Zugabennummer, „Zueignung“, deren defensiver, nicht schneller Vortrag noch einmal das Experimentierende und Vorantastende des Abends dokumentierte. Weniger typisch dann die tatsächlichen Zugaben: von Antonín Dvorák – „auch Dvorák hat schöne Zigeunerlieder geschrieben“ –, von Peter Tschaikowsky – „auch Tschaikowsky hat ein schönes Mignon-Lied geschrieben“ – und von Richard Wagner. Nein, nicht weil Wagner auch schöne Strauss-Lieder geschrieben hätte. Das Wesendonck-Lied „Träume“ brachte stattdessen so viel „Tristan und Isolde“ in den Saal, wie sich unvorbereitet aushalten ließ.

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