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Oper Frankfurt Hans im Unglück

Masse und Meer: Benjamins Brittens „Peter Grimes“ hochkarätig an der Oper Frankfurt.

Oper
Ein Peter Grimes mit jugendlicher Tenorstimme, die riesige dynamische Reserven parat hat: Vincent Wolfsteiner. Foto: Monika Rittershaus

Im „Lohengrin“ fällt der Name des Titelhelden überhaupt kein einziges Mal bis kurz vor Schluss – das gehört zum besonderen Pfiff der Handlung. Gerade umgekehrt in Benjamin Brittens „Peter Grimes“ – da ist der Name ständig präsent und bekommt gegen Schluss die Unentrinnbarkeit einer biblischen Anrufung gleich der gemeißelten Jahwe-Frage „Kain, wo ist dein Bruder Abel?“. Das Pochen auf den Namen: bereits eine Verurteilung. Wir befinden uns nah bei Kafka, in der damals auch vom jungen Walter Jens beschworenen Welt der Angeklagten; mitten im Existentialismus. Aus Krieg und Nachkrieg ragt Brittens berühmte Oper – wie es auch der Frankfurter Regisseur Keith Warner sieht – in die Zeitlosigkeit.

Wer ist dieser Peter Grimes? Ein finsterer, dumpfer Arbeitsmann, der als Fischer kleine Jungen als billige Helfer aus dem Armenhaus holt, sie verbraucht und totgehen lässt wie Material im achtlosen Verschleiß, so dass er sich bei der Dorfgemeinschaft schnell verdächtig macht und zum Außenseiter wird? Vincent Wolfsteiners Verkörperung setzt den Akzent ein wenig anders.

Der hellen, jugendlichen Tenorstimme, die in einigen Ausbrüchen riesige dynamische Reserven parat hat, gebricht es nicht an lyrischer Intensität, vehementem Leidens-Ausdruck oder (in der einsamen Schlussphase mit dem jenseitig herüberklingenden Nebelhorn) einem in stille Ausdruckslosigkeit gesteigerten Vokal-Minimalismus von geradezu inbrünstiger Wirkung. Ja, so paradox geht es in dieser einzigartigen Opern-Antiklimax zu.

Grimes ist kein Dämon mehr in dieser Darstellung

Was dieser Darstellung, die den Grimes entdämonisiert und endlich verklärt, offenbar am Herzen liegt, ist eine Art „Jedermannisierung“ dieses zwielichtigen, durchaus auch als schuldig gezeichneten Charakters. Folgerichtig fehlen diesmal die Timbres des tenoral Grellen oder Giftigen vollständig, und in all seinem Träumen, Brüten, Spintisieren und Phantasieren bleibt die Figur auf der Bühne jetzt ein eigentlich liebenswerter Junge, den die ablehnende Umgebung spröde und mürrisch macht. Ein vom Pech verfolgter naiver Hans im Glück wird zum Hans im Unglück.

Zweiter Hauptakteur der Oper ist der Chor, die Einwohnerschaft des kleinen Fischerstädtchens in der nordenglischen Küstenlandschaft Suffolk (der Heimat des Komponisten), ein antagonistisch gegen den unangepassten Einzelnen in Stellung gebrachtes Kollektiv. Britten markiert es manchmal auch versöhnlich, ja pittoresk, lässt die Oper auch als Genrebild ausklingen nach dem Motto „das Leben geht weiter“ (nachdem der individualistische Störenfried den Tod im Meer gefunden hat).

Zuvor aber bäumt sich die Wut dieser Volksgemeinschaft zu einem mythisch lynchlüsternen Rachefeldzug auf, angetrieben von den gewaltigen „Peter Grimes“-Schreien, die hernach echohaft als innere Stimme Peters wie aus der Ferne weitertönen. Mit dem martialisch an die Rampe postierten Chor (Einstudierung: Tilman Michael), der beim Fortissimo mit allerlei improvisiert rustikalem Waffengerät fuchtelt, überdreht Keith Warner die dramaturgische Schraube in der vorletzten Szene bis ins Karikaturistische. Zuvor nutzt er schon ein Orchesterzwischenspiel, um die Dorfmeute beim (im Handlungsverlauf niemals wirklich werdenden) Vollzug ihres Wunschmordes zu zeigen.

Warner verschweigt nicht, dass es – ehe Peter selbst zum „Opfer“ wird – die Kinder sind, die inmitten der Grausamkeit von Natur und Gesellschaft untergehen. In vielsagender Uneindeutigkeit verschwimmen die real stummen Kinder der Handlung mit den imaginär-untoten Geistererscheinungen, die Warner einigen Instrumentalbildern zuteilt, besonders eindrücklich kurz nach dem Beginn, wenn Grimes und ein Kind – er sein schweres Boot, es ein winziges Spielfahrzeug am Faden ziehend – parallel auf den dunklen Bühnenhintergrund zugehen: ins Nirgendwo.

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