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Oper Frankfurt Die leisen Stiche der Dissonanz

Szenisch und musikalisch meisterhaft: Richard Strauss’ „Capriccio“ an der Oper Frankfurt.

Camilla Nyland als Gräfin Madeleine
Camilla Nyland als Gräfin Madeleine: Gleich wird sie das Barockkleid gegen einen Mantel tauschen, um in den Widerstand zu gehen. Foto: Monika Rittershaus

Lange brüteten die Autoren – Richard Strauss und sein Textmitarbeiter Clemens Krauss – über dem Titel ihrer ganz besonderen Oper, bevor sie sich für das neutrale, wenig verratende „Capriccio“ entschieden (damit auch die autobiographische Strauss-Ehekomödie „Intermezzo“ assoziierend). Ein italienischer Titel zu einem französisch geprägten Sujet, gespickt auch mit französischen Text- und Musikzitaten (Ronsard, Pascal, Lully, Rameau). Der Esprit des ausgehenden Ancien Regime und der rationalistischen Debatten um die Gluck’sche Opernreform in einem Werk, das mitten im Zweiten Weltkrieg (1941) entstand und uraufgeführt wurde (1942): War das nicht doch auch eine sublime, in Politik- und Aktualitätsflucht verkleidete Widerstandsgeste gegen die Naziherrschaft, deren Halbfreunde und –nutznießer der prominenteste deutsche Komponist und vor allem der literarisierende Dirigent doch auch waren?

„Capriccio“ erwies sich nach 1945 als ein musikintellektuell ungemein anziehendes, im Opernbetrieb auch gelinde erfolgreiches Stück, das zugleich einen Giftstachel enthielt. Schien es nicht frivol, in Katastrophenjahren an erlesenen ästhetischen Theorien, präsentiert in aristokratischem Rahmen, sich zu delektieren? In Frankfurt war nun die dritte Inszenierung der Strauss-Oper im selben Haus nach 1945 zu erleben.

Begnadeter Premierenabend

Aller guten Dinge sind drei, und diesmal machte die Annäherung an „Capriccio“ den Eindruck eines Durchbruchs. Wenn es so etwas wie eine „Modellaufführung“ gibt, so wäre die Regiearbeit von Brigitte Fassbaender als solche zu apostrophieren: eine Bühnenoptik, die einen denkbar weiten interpretatorischen Möglichkeitsraum ausmisst, aber immer in Respekt vor dem Werk – ohne dessen komplexes forminhaltliches Gewebe zu zerreißen und die Willkür eigener Obsessionen triumphieren zu lassen. Mithin: besonnenes, unaufdringliches, zugleich gedanklich mutig-entschiedenes Regietheater. 

Hatte man (gerade die Frankfurter) „Capriccio“-Inszenierungen nicht doch als etwas trocken oder fad in Erinnerung? Keine Spur davon an diesem begnadeten Premierenabend. Da ging es durchweg lustig zu, ungewöhnlich burlesk. Die Personen: keine Thesen-Sprachrohre, sondern lebendige, animierte Menschen, bisweilen temperamentvoll und brüsk sich anrempelnd. 
Die meisten in erotisch affiziertem Zustand: der Musiker Flamand (AJ Glueckert mit auffallend virilem, fast baritonalem Timbre) und der Dichter Olivier (Daniel Schmutzhard, hitzige Impulsivität mit klarer Artikulation verbindend) als heftige Konkurrenten in der Gunst der Gräfin Madeleine. Deren geistreich-lebemännischer Bruder (Gordon Bintner mit schneidender Stimmeleganz) auf Abenteuersuche hinter der kapriziös entflammbaren Schauspielerin Clairon her (mit einem Furioso mezzosopranesker Eloquenz: Tanja Ariane Baumgartner). Dann der monumental-komische und ridikül-würdevolle Theaterdirektor La Roche mit seinem anrührend-selbstgefälligen Monolog (Alfred Reiter, weniger in gemütlichem Bassbuffo-Sound sich ergehend als pointiert deklamatorisch orientiert). In seinem Schlepptau eine ihm sichtlich in jedem Betracht ergebene minderjährige Tänzerin (mit apart klassiksprengenden Extras: Katharina Wiedenhofer) und ein sich ausführlich in karikiertes Belcanto bettendes italienisches Sängerpaar (Sydney Mancasola, Mario Chang). 

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