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Oper Frankfurt Der Pulsschlag des Universums

Gerade weil es einmal wirklich schnell gehen musste, ist diese konzertante „La Traviata“ ein Ereignis.

La Traviata
Mario Chang und Brenda Rae im Opernhaus Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller

Eine konzertante „La Traviata“ ist angesichts der zahllosen Bühneninszenierungen praktisch eine Rarität, aber Verdis „Il corsaro“ (nur fünf Jahre älter) ist noch viel rarer. Der Oper Frankfurt gelang es darum nicht, zwei Absagen für die Piratengeschichte so zu kompensieren, wie ein Konzertabend es verlangt hätte. Es waren aber ausreichend Personen zur Hand, die sich mit dem Ersatzwerk auskennen, darunter Brenda Rae, die gegenwärtig in Frankfurt für ihr Elvira-Debüt bei der „Puritaner“-Premiere Anfang Dezember probt, und Željko Lucic, der für „Il corsaro“ ohnehin bereits engagiert war. Beide ehemaligen Ensemblemitglieder wurden nun zum Mittelpunkt eines glamourösen Abends. Auch gehört „La Traviata“ derzeit immerhin nicht zum Frankfurter Repertoire, seit Axel Cortis (Wartehallen)-Inszenierung vor sechs Jahren (und nach 21 Jahren!) aus dem Programm genommen wurde.

Nicht zum ersten Mal hebelte die vorgeführte Brillanz die Regularien des Musiktheaters aus, ließ nämlich am Ende alles sehen, was man sehen will: eine festlich gekleidete Gesellschaft, alle höchst fidel und höchst verknallt, dann aber auch höchst nachdenklich, höchst verliebt, höchst entschlossen, höchst nachdenklich, höchst eifersüchtig und höchst verzweifelt. Das Hochgefühl der Oper, jenes einzigen Ortes auf der Welt, an dem der Tod süß klingt und chronische Lungenerkrankungen eine melancholische Angelegenheit sind, es wird im Konzert fabelhaft erfasst, wenn die Akteure nicht zu schüchtern sind.

Für Regisseure ist das delikat, für das Publikum ist es rasant gut, und wenn nur die töricht lächelnden Männer rechts die Augen nicht von der wirklich wunderschönen Violetta Valéry links lassen wollen; wenn sich der Sopran und der Tenor vor lauter Liebe kurzzeitig sogar ein Notenpult teilen, um besser turteln zu können; oder wenn der Bariton die bürgerliche Contenance bewahrt, auch wenn ein Frechdachs in ihm steckt und heraus möchte.

Dass über dem Abend ein Rest von Improvisation liegt – man sich das wenigstens einbilden kann, allerdings wurde der Tausch vor einer Woche bekannt, allerdings ist eine Woche für den Musiktheaterbetrieb nicht gerade viel –, gibt ihm noch mehr Charme. Im Leben weiß man auch nicht immer, wann man seinen Platz räumen und welchen man überhaupt einnehmen und wie man aneinander vorbei- und voneinander loskommen soll.

Der italienische Dirigent Francesco Lanzillotta übernimmt sympathisch pragmatisch die Rolle des konzentrierten Sortierers und Organisierers. Das glänzend aufgelegte Museumsorchester bietet einen überzeugenden, federnden Verdi-Klang, der von Tilman Michael (hurtig) einstudierte Chor wirkt kompakt und beweglich.

Alle Augen und Ohren also auf Brenda Rae. Apart ist ihre Violetta, eine sicher komplizierte Frau, im Leiden groß und scheu, im Glück offenherzig und brennend intensiv (was soll ein Regisseur hinzufügen, was?). Ihre Stimme aber, kühl und rund, technisch makellos abgestützt und ohne gellenden Anteil in der gefährlichsten Höhe, ist von einer überwältigenden Perfektion und ohne die menschliche Schwäche, um die es ja an sich geht. Ihr Alfredo, Mario Chang, besticht mit seiner helltimbrierten Stimmen, hält auch gut mit. Kleine Instabilitäten gehen in den Wogen der Musik unter oder machen den Tenor erst recht zu jenem Schmerzensmann, den er im Verlauf der Geschichte zunehmend darstellen muss (hier verhält sich Chang eher stoisch, aber doch gramvoll genug). Dass ausgerechnet die Liebhaber der Tuberkulosekranken sich mit Prinzipienreitereien und Eifersüchteleien aufhalten müssen, schmerzt mit fortschreitendem Alter immer mehr.

Nun aber: Als Vater Germont singt Lucic machtvoll und raumsprengend und dabei mit geradezu provozierender Mühelosigkeit (wenn auch eher diabolisch angeraut, ein gezähmter, gezügelter Rampenberserker). Das ist so enorm, dass der vom Frankfurter Publikum hier nicht inflationär, sondern kennerhaft verteilte Zwischenbeifall mit dem Toben und Jubeln nicht mehr aufhören will. Herrlich dabei zuzuschauen, wie Lucic und Rae, in verschatteter Rollensituation, tapfer in ihrem Ernst und ihrer Traurigkeit verharren, denn auch als Paar sind sie die Sensation der ganzen Unternehmung.

Aus dem Haus werden die kleineren Rollen besetzt, gut bis brillant, darunter Elizabeth Reiter als quecksilbrige Annina und Michael McCown als markanter Vicomte de Letorière, auch darstellerisch stets einen Seitenblick wert. Staunenswert etwa auch Opernstudiomitglied Iain MacNeil, der sich problemlos als Alfredos Gegenspieler Douphol integriert.

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