Lade Inhalte...

Oper Frankfurt Das ist der Zwiebel Kern

Und wieder hat die Oper Frankfurt eine meisterhafte „Lustige Witwe“ im Programm.

Lustige Witwe
Marlis Petersen und Iurii Samoilov als Hanna und Danilo, aber auch als Marlis und Iurii. Hinten wogt der Chor, rechts sieht man die Kamera. Foto: Monika Ritterhaus

Indem die neue Frankfurter „Lustige Witwe“ also während Dreharbeiten spielt – realistischerweise, die 1905 uraufgeführte Operette erlebte mindestens fünf Verfilmungen, darunter von Erich von Stroheim (1925) und Ernst Lubitsch (1934 in den USA) –, sind die Nummern, die Tableaux, die karnevalistisch wirkende Folklore, die Künstlichkeit der Dialoge bereits tadellos untergebracht. Sie dürfen drastisch operettenhaft wirken, in die Luft geworfene Tänzerinnen in fantastischen Kostümen können hemmungslos juchzen, ohne dass man einen roten Kopf bekommen muss. So ist eben das Geschäft, ein Kameramann ist fast immer dabei, das geduldige Scriptgirl, der gestresste Regisseur, der zugleich den Njegus spielt (Klaus Haberer als wunderbarer Komödienösterreicher).

Er will die Ebenen, nicht das Dekor

Interessanterweise bleibt Ausstatter Christian Schmidt bei der zeitlichen Einordnung zurückhaltend. Die Kamera ist modern, das Team ist von heute, die Drehbühne ist klassisch großzügig eingerichtet:hier ein Ballsaal, in dessen Hintergrund sich romantische Projektionen von (pontevedrinischen) Wäldern auftun können, da die Künstlergarderoben, schließlich die prosaische Fassade eines in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandenen Gebäudes (in dem gedreht wird, in dem aber auch die pontevedrinische Botschaft untergebracht ist, alles fließt). Dazwischen darf man immer sehen, dass das Kulissen sind. Die Kontraste zwischen Dreh und Gedrehtem drängen sich nicht auf, an keiner Stelle wird das zur Ausstattungsoperette. Auch darauf, uns Filmmaterial vorzuführen, verzichtet Guth konsequent. Er will die Ebenen, nicht das Dekor.

Dialog- wie Chorszenen sind auf die Kamera ausgerichtet – vor allem bei den Dialogen ist das komisch und peinlich, aber Operettendialoge sind immer komisch und peinlich. Hier wird es durchgezogen und doch reflektiert und ironisiert. Das Geplapper unter den Herrschaften, die es allesamt auf die Witwe abgesehen haben, wird dadurch nie fade, dazu kommt, dass Guth für zahlreiche Miniaturstudien sorgt. Neben der Folklore trägt man Frack und Abendkleid. Vielschichtig zu sein bedeutet nicht, übermäßig kompliziert zu sein.

Nein, „Die lustige Witwe“ ist in Frankfurt nicht übermäßig kompliziert. Sie ist ambivalent, Hanna Glawari ist ambivalent. Noch vor der Ouvertüre sieht man Marlis Petersen in der Garderobe sitzen und sich einsingen. Hanna sinniert. Dann lässt Joana Mallwitz die Musik einsetzen, lässt sie extrem transparent klingen und die Süffigkeit bleibt ganz schwerelos. Schmidts Bühne beginnt sich zu drehen, und eine Wabe weiter sieht man den (vorzüglich bewegten und von Tilman Michael auch zu leichtfüßigem Singen animierten) Chor im Walzerschwung.

Nicht die Seele aus dem Leib singen

Nirgendwo, auch hier nicht, geht es Guth um einen schroffen Gegensatz. Die Übergänge sind vielmehr fein, auch musikalisch. Nur das Metronom, die unnachgiebige Taktvorgabe für Musiker, klackt zuweilen unerbittlich (wohl auch als Memento mori). Sanft kann aber eine Probensituation in eine Drehszene übergehen, keiner soll sich hier die Seele aus dem Leib singen, und Mallwitz dirigiert entsprechend. Petersens perfekt austarierter, beweglicher und doch in sich ruhender Sopran kann sich unangestrengt in der Musik wiegen, eine lukullische Situation über die weitesten Strecken. Ihr Danilo Iurii Samoilov ist ein stimmlich und körperlich behänder Beau, den die Regie sympathisch und sympathisierend auf die leichte Schulter nimmt. Marlis und Iurii nennen sich bisweilen beim echten („echten“) Vornamen, die alte Geschichte betrifft auch sie. Und geht an dieser Stelle nicht gut aus, wie man leider sagen muss.

Auch beim zweiten Paar hat die Frau in Energiefragen die Nase vorn. Einspringerin Elizabeth Reiter ist eine hinreißende, ungezogene Valencienne, die nicht zwitschert, sondern glockenrein singt, ihr Camille, Martin Mitterrutzner, bemüht sich redlich (und vergeblich), alles so zu machen, wie sie es verlangt. Den Rosenknospen-Song singt er wie ein junger Gott. Ihr Häuslichkeits-Duett wird ihnen übrigens entzogen und in die Garderoben von Hanna und Danilo verlegt, die mehrfach getrennt voneinander duettieren. Ja, Liebende haben es nicht leicht.

Frankfurt hat mit „Lustigen Witwen“ eine glückliche Hand. Unvergessen Peter Mussbachs sich in Schwarzweiß und kühl dem Rhythmus der Musik hingebender, Ohren öffnender und lebensverändernder Geniestreich von 1996. Die neue Witwe ist von anderer, komödiantischerer, menschenzugewandter Art, aber auch sie kein Klamauk – obwohl zum Schluss schon mal probiert wurde, in den vergnügten Applaus hinein noch etwas Mitklatschmusik zu machen. Darauf kann man dann getrost in der Silvesternacht zurückkommen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen