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Oper Edgars Retter, Tigranas Mörder

Tobias Kratzer gibt Puccinis zweiter Oper in St. Gallen Farbe und Leben.

Oper
Großes Gemälde vor großer Kulisse: Jan van Eycks „Anbetung des Lammes“ vor der St. Galler Stiftskirche. Foto: Tanja Dorendorf

So viele Dinge, die man ausprobieren muss, und jetzt kommen auch noch die St. Galler Festspiele dazu. Die St. Galler Festspiele zeigen in diesem Jahr Giacomo Puccinis fast nie gespielte frühe Oper „Edgar“. Die Inszenierung ist von Tobias Kratzer und seinem Dauerausstatter Rainer Sellmaier, denen die Oper Frankfurt im Winter die originelle Weltraum-Blockbuster-Lesart von Meyerbeers „Die Afrikanerin“ verdankte, die in ein paar Tagen noch in Karlsruhe Mozarts „Lucio Silla“ zur Premiere bringen und im kommenden Jahr mit „Tannhäuser“ ihr Bayreuth-Debüt geben werden. Unter anderem. Die Produktivität ist beängstigend, nicht weil nicht viele Regisseure am laufenden Band arbeiten würden, sondern weil Kratzer und Sellmaier praktisch immer etwas daraus machen. Weniger routiniert können Operninszenierungen derzeit kaum sein. 

In St. Gallen, wo vor der Unesco-Weltkulturerbe-Stiftskirche gespielt wird, ist die Kulisse durch den Kirchenbau im Prinzip schon da, zugleich muss etwas davor gebaut werden, das dagegen ankommt. Kratzer und Sellmaier lassen also den ersten Akt (im Zentrum die gestörte Ruhe & Selbstzufriedenheit nach dem Gottesdienstbesuch) in einem grandios nachgestellten, zugleich ins Oblatenhafte hübsch gemachten Gemälde von Jan van Eyck spielen, der „Anbetung des Lammes“ aus dem Genter Altar. Der zweite Akt (im Zentrum allerhand Ausschweifungen und ihr Öde-Werden) wird ebenso detailreich von Hieronymus-Bosch-Wesen aus dessen „Garten der Lüste“ belebt. Zum Höllenpfuhl kann sich der Grashügel öffnen, auf dem vorhin noch das Lamm Gottes stand. Der dritte Akt (im Zentrum eine Beerdigung ohne Toten, eine skandalöser Betrug) zeigt einen Trauerzug im 19. Jahrhundert, jedenfalls noch mit Pferdekutsche (natürlich ist das Pferd echt). 

So possierlich diese Bilder sind, so genießerisch die Ausstattung, so helle wird sie im Laufe des nur anderthalbstündigen Abends mit Leben und Sinn erfüllt. Das ist im Falle von „Edgar“ keine kleine Leistung. Kratzer spitzt die disparate Geschichte klug zu, vor allem auf die „verworfene“ Frauenfigur hin, die sich dadurch als frühe klassische Puccini-Figur erweist: Kratzers Tigrana (Alessandra Volpe, die im traditionell Carmen-haften Gebaren einen sympathischen, modernen Zug hat) wird böse hereingelegt von zwei Ex-Liebhabern, die offenbar nur über ihre Leiche von ihr loskommen. 

Dass Tigrana selbst zur Mörderin wird, entfällt hier. Man vermisst diese letzte Unlogik nicht. Es ist zweifellos das Libretto, auf einem Lesestück von Alfred de Musset basierend und von dort aus glücklos immer weiter bearbeitet, an dem Puccinis zweite Oper nachhaltig scheiterte. Aus der komplexen inneren Gemengelage eines zerrissenen Menschen wurde dabei immer mehr das konventionelle Drama des Tenors zwischen der sanftmütigen Sopranistin (der holden Katia Pellegrino) und der ungezogenen Mezzosopranistin, hinzu trat der Bariton als abgeschlagener Rivale. Da einige kompliziertere Elemente erhalten blieben, kommt es nun praktisch aus heiterem Himmel zu jener Scheinbeerdigung, die Tigrana bloßstellen – Kratzer führt kalt den Nachweis: ruinieren, töten – soll. Das Kopfschütteln, das die Szene beim Zuschauer auslösen muss, wandelte sich so wenigstens in einen Wutanfall gegen Mob, Tenor und Bariton, die von dem schön italienisch leidenden Marcello Giordani und von Michail Ryssov allerdings äußerst proper gesungen werden. 

Die Musik des jungen Komponisten zeigt sein Talent für naturalistische Atmosphäre, hier auch liturgische. Dafür wurden mehrere Chöre vereint und kann die Stiftskirche im rechten Augenblick spektakulär angeleuchtet werden. Dazu kommt es zu kurzen, herzzerreißenden Arienausbrüchen, schon sehr puccinesk. Dass in St. Gallen etwas instrumentale Fremdmusik aus dem Vorgängerwerk „La Villi“ untergehoben wurde, wirkt experimentierfreudig und entspricht der Lage: Es ist schon interessant, dass Puccini selbst sich immer wieder um das arme, missratene Ding bemühte. Da ist etwas, aber es stolpert und hakt. Wie Kratzer und Sellmaier es in Puccinis Sinne zum Laufen bringen, ist ein Ereignis.

Dass mikrofonverstärkt gesungen wird und das – von Leo Hussain dirigierte, einen feinen, nicht zu sentimentalen Puccini-Ton bietende – Sinfonieorchester St. Gallen aus einer benachbarten Box zugeschaltet wird, entspricht den Gepflogenheiten im nahen Bregenz. Der Lohn dafür ist ein maximale Freilufterlebnis, das Gottvertrauen erfordert.

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