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Oper Darmstadt Die smarte Bestie

Mei Hong Lin macht in Darmstadt aus Bizets „Carmen“ eine bunte Tanz-Oper: Der tanzende Mensch als die Krone der dionysischen Perspektive des Philosophen – er war im Großen Haus des Staatstheaters allgegenwärtig. Der stimmliche Ertrag des Abends war oft glänzend.

25.10.2010 18:38
Bernhard Uske

Zum Teil zumindest hätte Friedrich Nietzsche an der Darmstädter Neu-Inszenierung von Georges Bizets Oper „Carmen“ Gefallen finden können: Der tanzende Mensch als die Krone der dionysischen Perspektive des Philosophen – er war im Großen Haus des Staatstheaters allgegenwärtig. Eine regelrechte Tanz-Oper hat Mei Hong Lin aus dem Stoff um das moralisch nach Gutdünken agierende Zigeunermädchen gemacht. Eine ganz körperlich und in reichem Kleidungsschmuck sich auslebende Choreografie, aus deren streunender und wogender Massenhaftigkeit sich die je individuellen Beziehungen herauskristallisieren.

Die blonde Bestie des Philosophen ist hier ein brünettes Biest: Ein Mensch, der sich nimmt, was ihm gut tut, und fallen lässt, was dem Trieb nicht mehr genügt. Dieser weibliche Übermensch ist auf der Darmstädter Bühne eine durchaus zierliche, smarte Person, die mit geblümtem Schwingröckchen kaum aus der Masse ihrer Kolleginnen von der Zigarettenfabrik hervorsticht, auf jeden Fall weit weg vom iberischen Sumpfhuhn mit Thekenschlampen-Image, das der Rolle gerne anhängt.

Alles ist hell und licht – aufgeräumt und in kräftigen Farben gehalten, eine Straßenszenerie in modernem Dekor (Kostüm und Bühne: Dirk Hofacker). Der einzige, wie eine Art Grotte ausgestaltete Innen-Raum ist der Pausen-Ort der Arbeiterinnen: ein Nixen-Tummelplatz und Blumengarten, wo mit Wasser gespritzt wird und männliche Beobachter herumlungern. Später bei den Straßenmädchen ist dieser Ort wie eine Leerstelle, ganz zuletzt ist alles wieder verschlossen, abweisend und kalt ausgeleuchtet. Großartige Eindrücke bieten die Massen-Aufzüge: das bunte Treiben eines unmittelbar seiner Lebenskraft frönenden Plebs, ohne blutrünstige, finstere Züge – der dionysische Gärstoff ist apollinisch geklärt.

Demgegenüber fällt manche der individualisierten Szenen ab. Die tendenziöse Kostümierung und Personenführung des auf der Strecke bleibenden Paares Don José und Micaëla leuchtet nicht ein. Ein tumb präsentiertes Männlein als Sergeant und die wie eine zum Hausputz abkommandierte Fatima-Wallfahrerin aussehende Micaëla wirkten wie Chargen. Überhaupt scheint die Arbeit der Regisseurin um die männlichen Akteure einen großen Bogen gemacht zu haben.

Glänzend war oft der stimmliche Ertrag des Abends. Grandios der Chor in messerscharfer Artikulation, in Volumen und szenischer Aktion. Wunderbar artikuliert die schöne Stimme Susanne Serflings als Micaëla, makellos die Leistung von Erica Brookhyser als Carmen. Der Escamillo von Bastiaan Everink hatte mit einer Indisposition zu kämpfen. Uneinheitlich war der Don José von Daniel Magdal. Sehr schön die beiden Carmen-Kumpaninnen, gesungen von Aki Hashimoto und Carolin Neukamm. Im Orchester strahlte unter der Leitung von Lukas Beikircher ein Bizet-Ton, der streckenweise selbst die farbigsten Eindrücke der Bühne in den Schatten zu stellen vermochte.

Staatstheater Darmstadt: 29. Oktober, 6., 28. November. www.staatstheater-darmstadt.de

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