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Oper Blutgericht

Die Uraufführung von Alfons Karl Zwickers Musiktheater „Der Tod und das Mädchen“ konfrontiert uns mit Ekel und Entsetzen. Aber auch schier unaushaltbaren Zorn.

03.12.2010 21:34
Jürgen Otten
Von der Erinnerung heimgesucht: Szene aus „Der Tod und das Mädchen“ in Dresden. Foto: Klaus Gigga

Ein Trauerspiel. Umgeben vom kalt-sterilen Weiß der Möbel, steht da die schöne Frau, einsam, vernichtet, von ihrer Vergangenheit besiegt, wie jeden Tag. Was sie auch versucht, es will ihr nicht gelingen, die Erinnerung an das Grauen zu verdrängen. Unausweichlich kriechen die Bilder der verjährten Vergewaltigung an ihr hoch, dringen in sie ein wie damals das Glied des mächtigen, sie demütigenden (und Schubert liebenden) Arztes, bilden Geschwüre, zerfressen ihren Geist und ihre Seele. Da ist nichts als Ekel, Entsetzen. Aber noch etwas anderes mischt sich hinzu: das Gefühl schier unaushaltbaren Zorns.

Welche fatalen Folgen das für sie die Gedemütigte, aber nicht nur für sie haben kann, hat der chilenische Autor Ariel Dorfman in seinem Theaterstück „Der Tod und das Mädchen“ beschrieben, das seine Uraufführung in London erlebte und danach am Broadway in einer fürwahr brillanten Besetzung herauskam: Glenn Close spielte Paulina, ihre Partner waren Gene Hackman als Roberto und Richard Dreyfuss in der Rolle des Gerardo. Weltweite Popularität erlangte die Schuld- und-Sühne-Geschichte dann durch den auf Dorfmans Schauspiel basierenden Film von Roman Polanski, mit der hinreißend bösen Sigourney Weaver, einem brillant ohnmächtigen Ben Kingsley sowie Stuart Wilson.

Als der Schweizer Komponist Alfons Karl Zwicker, dessen Oeuvre hier nur einem eingeweihten Zirkel bekannt geworden ist (darunter die Opern „Die Höllenmaschine“ nach Cocteau und „Eine Scheidelinie wird weiter hinausgezogen“ auf Verse von Nelly Sachs), den Film sah, war ihm klar: Daraus mache ich ein Musiktheater. Und jetzt wurde „Der Tod und das Mädchen“ auf ein Libretto von Daniel Fuchs im Europäischen Zentrum der Künste Dresden-Hellerau uraufgeführt.

Weibliche Angst mit Schubert-Splittern

Am Anfang das Schweigen, die Angst. Anders als im Drama, wo Gerardo aus dem Off zu hören ist, wie er mit dem Arzt spricht, anders auch als im Film, der die Schlusssequenz des Schauspiels aufgreift, ein Konzert mit Schuberts titelgebendem G-Dur-Streichquartett, beginnt Zwickers Oper mit Paulinas Schreckensvision. Ein Leitgedanke der Oper (wie der Inszenierung) ist damit gesetzt: Es ist die weibliche Biographie, die als – vornehmlich introspektive – Blickrichtung dominiert. Immer wieder im Verlauf der zweieinviertel Stunden wird das ehemalige Folteropfer von den Szenen des Schmerzes gequält. Regisseurin Annette Jahns, die gemeinsam mit Holger Ogorek auch die aseptische Bühne ersonnen hat, zeigt sie als Video-Projektionen auf der Rückwand.

Diesem Vexierspiel entspricht das musikalische Vokabular, vom MDR Symphonieorchester unter der Leitung von Florian Ludwig präzise und dynamisch differenziert vermittelt. Nervös huschen die häufig chromatisch und clusterhaft gefügten Klänge durch den Raum, mal gespenstisch irrlichternd und fiebrig vibrierend, mal bedrohlich massiv auftrumpfend, mal wie verwundet und dabei doch subtil aggressiv. Das Schlagwerk an beiden Bühnenseiten stößt gezielte Hiebe hinein in diesen tönend bewegten Korpus. Jedes Mal, wenn Paulina (mit einnehmend dunklem Mezzo-Timbre: Frances Pappas) von ihrer dunklen Vergangenheit eingeholt wird, wird diese Musik zudem mit Schubert-Splittern gesprenkelt. Eine behutsame Übermalung.

Das Kreisen der Figuren im Klangraum

Triftig auch, wie Zwicker das Kreisen der Figuren um sich selbst, umeinander und um die Frage der Schuld in einem assoziativen Klangraum beschreibt. Jeder von ihnen hat der Komponist eine leitmotivische Struktur zugeordnet, die im Verlauf der Oper die jeweilige Kontur erhärtet, ohne sie zu sehr ins Schematische abgleiten zu lassen. Die Partie der Paulina zeichnet sich durch weit gespannte Melodik und immense Impulsivität aus, während die Gestalt des Roberto (vokal vielschichtig: Uwe Eikötter) fast zerhackstückt wird mit zahllosen kleineren musikalischen Partikeln. Dazwischen Gerardo, der Geerdete, auch Eingeengteste der Drei in dem minimalen, auf einem Grundton fußenden Intervallfeld (von enormer Präsenz: Andreas Scheibner).

Doch auf die Dauer verpuffen die repetitiven Energien mehr und mehr. Was die Worte im Drama, die harten Schnitte im Film vermögen, wird in der Oper zusehends von den Klängen absorbiert und aufgeweicht: das Aufzeigen einer unerbittlichen wie unfreien Brutalität in den Aktionen. Mag die Partitur von großer vertikaler Spannung sein, in der Horizontalen gibt sie diese wieder auf. Die Oper verschleppt sich.

Und findet leider kein (richtiges) Ende. Das Blutgericht hat getagt, alle Kämpfe sind – zwar nicht ereignis- aber doch ergebnislos – ausgefochten, da schließt sich ein halbstündiger oratorischer Epilog an, der als Einzelerscheinung wirksam wäre, im Kontext des Stoffes jedoch fehl am Platze wirkt. Denn er stülpt der Konkretion des Dramas das Allgemein-Moralische über. Und raubt damit dem zuvor so beklemmend direkt dargestellten individuellen Grauen seine Grundlage. Schade.

Festspielhaus, Dresden-Hellerau: 4., 5. Dezember. www.hellerau.org

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