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Open Air des hr Die singenden Revolutionäre

Das wegen des Wetters vorzeitig beendete Litauen-Open Air an der Weseler Werft in Frankfurt.

Es hätte ein großartiges Konzert werden können. Nein, es WAR ein großartiges Konzert – nur leider kürzer als erhofft. Der Mensch betrauert gern, was er nicht bekommen hat. Dabei kam der Abbruch des Sommerkonzerts des Hessischen Rundfunks am Mainufer wegen einer Unwetterwarnung erst nach satten zwei Stunden Musik.

Das „Europa-Open Air“ zu Füßen der Europäischen Zentralbank hatte Litauen zum Gastland. In seiner Moderation erklärte der sonst, in musikalischen Dingen, herrlich kenntnisreiche Dirigent Andrés Orozco-Estrada den Grund so: „Litauen feiert 100 Jahre Restauration; ich weiß nicht, was das ist.“ Gemeint war die Wiederherstellung der Unabhängigkeit vom Zarenreich 1918, die nur bis zur sowjetischen Besatzung 1940 hielt.

Die hr-Big-Band am frühen Abend hatte die Sängerin Viktorija Gecyte zu Gast. Mit großartig fundierter, klanglich breit gefächerter Stimme sang sie neben Gershwin auch einige eigene Kompositionen, hörbar von litauischer Volksmusik inspiriert. Nach einer Umbaupause eröffnete das Sinfonieorchester kraftvoll mit „Fanfare for the Common Man“ des US-Komponisten Aaron Copland, einem Sohn litauischer Juden.

„Jede litauische Familie hat ein Akkordeon zuhause“, verbreitete der hr – ein Schmarrn wie jedes Klischee. Immerhin gehört die Ziehharmonika zur Basis baltischer Volksmusik. Martynas Levickis, Sieger von „Lithuania Got Talent“ und Akkordeon-Weltmeister 2010, brachte virtuos eines der wenigen Akkordeon-Konzerte zu Gehör, die es gibt, das des Tschechen Václav Trojan.

Mit „Le Sacre du Printemps“ waren Orozco-Estrada und sein Orchester in ihrem Element. Der Gastchor „Jauna Muzika“ (eigentlich für die Ode an die Freude zu Gast) stellte zuvor jenes litauische Volkslied vor, von dem sich Strawinsky zum Fagott-Solo zu Beginn des Balletts inspirieren ließ.

Nach dem Auszug aus „Sacre“ kam es zum Abbruch und deshalb weder zu Astor Piazzollas „Four Seasons of Buenos Aires“ noch zum einzigen litauischen Orchesterstück des Abends, „Miške“ (Im Wald) von Konstantinas Mikalojus Ciurlionis. Der Komponist und Maler, ein Synästhet am Übergang von Spätromantik zur Moderne, ist leider außerhalb des Baltikums kaum bekannt.

Dass auch der Schlusssatz von Beethovens 9. Sinfonie den angedrohten Gewitterwinden zum Opfer fiel, müssen vor allem die eigens angereisten litauischen Gesangssolisten bedauern. Der Chor immerhin unterhielt noch während des hastigen Abbaus die hr-Mitarbeiter backstage mit Volksliedern aus dem Land der „Singenden Revolution“ gegen die Sowjet-Besatzer, als wolle er sagen: Wir Litauer sind aus härterem Holz geschnitzt – wir hätten dem Sturm getrotzt.

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