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Norah Jones So viele einander ähnliche Edelsteine

Norah Jones mit großer Stimme, fein polierten Songs, aber leider keiner Dramaturgie auf der Mainzer Zitadelle.

„Wie geht’s Euch?“ Danke, ganz OK. „Ist Euch heiß?“ Nee, doch nicht hier oben auf der Zitadelle um halb neun. „Ziemlich viele Bienen hier.“ Wespen. Es sind Wespen.

Dialog mit dem Publikum ist nicht so ihr Ding. Viel mehr als das Zitierte sprach Norah Jones in Mainz bei ihrem einzigen Deutschland-Konzert den ganzen Abend lang nicht. Vielleicht, weil der Unterschied zwischen Sprech- und Singstimme so groß ist. Das Feuilleton der FAZ fühlte sich bei ersterer einst gar an Micky Maus erinnert. Der Kontrast zu Kraft und Wärme, auch zu Abgründen und Brüchen, Kratzen und Schrammen ihres Gesangs ist ohrenfällig. Für ihr Debütalbum „Come Away With Me“ bekam Jones 2002 gleich fünf Grammys, plus drei für am Album Beteiligte, Produzenten, Komponisten und Tontechnik. Seither hat sich die Tochter des Sitarristen Ravi Shankar in fünf Alben, unzähligen Duetten und Kollaborationen eine Ausnahmestellung unter den Vokalistinnen erobert: im Auftritt unglamourös, aber mit einer der stärksten Stimmen, die es gibt.

In Mainz hat sie sich mit Drums, Bass und Hammond-Orgel eine Begleitung mitgebracht, die zu ihrer Stimme passt. Sie selbst sitzt am Klavier, greift manchmal zur Gitarre. Jeder Song vom Opener „Day Breaks“ über „Little Broken Hearts“ bis „Carry On“ ist behutsam instrumentiert, mal mit E- und mal mit Kontrabass grundiert, meist mit Besen rhythmisiert. Glanzlichter setzt die unaufdringliche Orgel, Soli sind selten und kurz.

Einige Cover hat Norah Jones dabei, Tom Pettys „Angel Dream (No. 2)“ etwa, „Don’t Know Why“ von Jesse Harris oder „Don’t Be Denied“ von Neil Young. „Come Away With Me“ von ihrem gefeierten Debüt verschießt sie früh, etwa in der Mitte des Konzerts, „Sunrise“ gleich hinterher. „Sinkin’ Soon“ zerlegt das Quartett geradezu in seine Einzelteile, zeichnet Melodie- und Begleitlinien klar auf wie in einer Konstruktionszeichnung. „Out On the Road“ wird zu einem Mini-Drama. Kleine musikalische Gesten erzeugen Spannung unter der meist melancholischen Oberfläche.

Auf solche Nuancen zu hören, ist allerdings zwischen Weinschorle- und Pizzaständen nicht so einfach wie im Jazzkeller. Beim Rausgehen bringt es ein Zuhörer hart auf den Punkt: „bisschen lahm für Open Air“. Auch sorgfältig polierte Song-Edelsteine brauchen eine Fassung, in der sie zur Geltung kommen. Ein bisschen Inszenierung, Dramaturgie, Spannungsbogen. Und es hülfe, wenn sie sich in Farbigkeit und Schliff ein wenig voneinander unterschieden. All das fehlt auf der Zitadelle.

Das kann man positiv als puristisch bezeichnen. Es erklärt aber auch, warum im Publikum aus sanft rhythmischem Nicken im immer gleichen Tempo manchmal ein Einnicken wird. Auch quantitativ dürfte es ein bisschen mehr sein: Nach rund anderthalb Stunden, zuzüglich ein vernachlässigbarer Singer-Songwriter als Vorprogramm, ist Schluss. Es ist noch taghell.

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