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Noel Gallagher „Chasing Yesterday“ Gestern mit Noel Gallagher

Da werden viele Erinnerungen wach: Noel Gallagher, der ältere Bruder von Liam (dem Oasis-Sänger), und sein schönes neues Album „Chasing Yesterday“.

Noel Gallagher, hier bei einem Termin in Mexiko. Foto: REUTERS

Ganz hinten im Booklet zu dieser CD, im hübsch gestalteten Booklet, im erst grauen und dann immer bunter und freundlicher werdenden Booklet, im Booklet mit den halbwegs so groß gedruckten Texten, dass man sie sogar noch jenseits seines 47. Lebensjahres ohne Brille lesen kann, ganz hinten, hinter den Personen, die an dieser CD mitgewirkt haben, steht der Satz, frei übersetzt: „Noel Gallagher möchte all diesen Leuten danken, ohne die etc. …“

Aber das war es dann auch schon an Flapsigkeit auf dem schönen neuen Album „Chasing Yesterday“ von Gallagher und seiner Band, den High Flying Birds. Was freilich nicht allzu sehr verwundern muss, denn schon die Platten seiner ehemaligen Band Oasis waren ja stets verblüffend harmonisch – jedenfalls im Vergleich zum sonstigen Auftreten der berühmten Musiker. Da kloppten sich die Brüder Liam und Noel Gallagher aus Manchester auf der Bühne, beleidigten einander und ihre Frauen und jeden, der nicht schnell genug die Kellertreppe runter war, aufs Übelste, pöbelten gegen sämtliche Kollegen, um kurz darauf die süßesten Hymnen der jungen britischen Generation zu spielen, „Wonderwall“, „Don’t Look Back In Anger“, „Go Let It Out“.

Insofern hat sich Noel Gallagher, 47, kein bisschen geändert. Dieser Tage ließ er im „Rolling-Stone“-Interview quasi kein gutes Haar an der Band Alt-J aus Leeds („Einer von denen hat einen Schnauzbart, und das ist inakzeptabel“), nölte über die nachwachsenden Kollegen Taylor Swift und Jake Bugg („Das ist der Grund, warum die Musik stirbt“). Und veröffentlichte zugleich ein Rock-Album, so rund und warm, dass es gar nicht mehr aus dem CD-Spieler heraus will. Den Innenteil des Klapp-Covers ziert übrigens ein tolles Foto der Zwillingsbrüder Paul und Jeremy Stacey (Gitarre und Schlagzeug) – der bärtigen, aber nicht direkt schnauzbärtigen Brüder.

Eltern wird das nicht empören

Obacht: „Chasing Yesterday“ ist nicht das Erwachen eines neuen Sounds, es ist keine Revolution der populären Musik, es hat nichts, was die Eltern empört, und seien sie auch inzwischen über 70. Aber die zehn Lieder haben Melodien, sie haben viel Rhythmus, sie haben Witz und inspirierte Texte: „Find me the girl who electrified the storm.“ Sie erinnern auch nicht allzu schmerzlich daran, dass Liam der Oasis-Sänger war, nicht Noel, und das durchaus zu Recht.

Das neue Album des älteren Bruders Noel wird getragen von einem einfachen, aber fetten Bass, vielen verschiedenen Gitarrensounds, darunter jenem des Smiths-Helden Johnny Marr in „Ballad Of The Mighty I“. Zu hören sind Keyboards, Glocken, Streicher, sogar Saxofone, wenngleich Gallagher befürchtet, deshalb der „saxuellen Nötigung“ geziehen zu werden.

Und noch etwas hat er gewagt, was es bei Oasis nie gegeben hätte: Den Song „The Right Stuff“ identifizierte er im Studio als sogenannten Space Jazz – früher ein absolutes No Go im Britpop. „Zu Oasis-Zeiten haben wir uns über Space Jazz noch lustig gemacht“, sagt er. „Wenn uns irgendwer erzählte, wir wären nicht waghalsig genug, antworteten wir nur: Was willst du denn, Space Jazz? Und nun habe ich ein Stück gemacht, das wirklich echter abgefahrener Jazz ist. Und weißt du was? Es ist großartig.“

Man kann’s nicht anders sagen, es ist wirklich großartig, Es sticht sofort heraus, wenn man das Album, wie es sich für eine anständige Plattenkritik gehört, erst einmal blind und dumm in sich hineinfahren lässt. Es schwebt, es berührt dich mit flatternden, kichernden Händen: „You and I got the right stuff.“ Der Rest ist dagegen eher bodenständig und unspacig.

Für „Chasing Yesterday“ hat sich Noel Gallagher Zitate bei vielen Vorbildern geholt, natürlich wieder bei den Beatles, bei David Bowie, auch bei R.E.M., und ein Stück eigener Geschichte reaktivierte er nach vielen Jahren: Eine Strophe des jagenden „Lock All The Doors“ vermachte er einst den Chemical Brothers, die prompt den Nummer-1-Hit „Setting Sun“ drumherum strickten. Was er selbst damit anfangen könnte, fiel ihm erst 2013 ein, auf der Straße, an einem Sonntag. auf dem Heimweg nach einem Fußballspiel von Manchester City gegen den FC Everton (1:1).

Das ist jede Menge Gestern, den Albumtitel sollte man trotzdem nicht zu wörtlich nehmen – den habe er sich in ein paar Minuten ausdenken müssen, sagte Gallagher dem Deutschlandfunk, und glücklich sei er damit beileibe nicht. Andererseits: „Es gibt eh keinen schlechteren Titel als ,(What’s The Story) Morning Glory‘.“ So hieß das zweite Oasis-Album, eine der erfolgreichsten Platten aller Zeiten.

Noel Gallagher’s High Flying Birds: Chasing Yesterday. Sour Mash / Indigo.

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