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Nine Inch Nails Die Schönheit aus den Trümmern ziehen

Die Nine Inch Nails zeigen sich einmal mehr als extreme Songwriter auf dem Album „Bad Witch“.

Musik
Nine Inch Nail. Foto: Corinne Schiavone

Manchmal frage ich mich, was die unterschiedlichen Musiken, die ich wirklich schätze, eigentlich verbindet. Ob es Eigenheiten gibt, Sounds, Akkordwechsel, Ästhetiken, die bei mir immer funktionieren und ob nicht dadurch auch jene miteinander verbunden sein könnten, die so weit entfernt scheinen. In deutscher Sprache war für mich keine Band wichtiger als Blumfeld, in englischer nie wieder eine so eindrücklich wie Nine Inch Nails. Es gab offensichtliche Unterschiede: erstere schrieben die besten Texte, Trent Reznor, der Kopf hinter den Nine Inch Nails, schrieb vor allem die beste Musik. Aber beide zitierten immer wieder Public Enemy und den HipHop als entscheidenden Einfluss.

Bei Blumfeld waren es die ersten beiden Alben, die den Noise Rock in Nähe zu Sonic Youth mit einer Haltung verband, die sich zwischen Plakat und Selbstbespiegelung nicht entscheiden wollte. Das Wir im Ich und umgekehrt. Bei Trent Reznor, dem einzigen konstanten Mitglied hinter den Nine Inch Nails, kamen oft die gleichen Wörter, Welt, Lügen, Käfig, Schmerz. Bisschen viel Teenage Angst, aber sein Songwriting – das brachte die Vielschichtigkeit aus unterschiedlichen Welten und Reznor hatte größten Spaß daran, die Grazie einer schönen Akkordfolge nicht einfach nur zu dekonstruieren, sondern unter Feedbackschutt zu begraben.

Um auf den gemeinsamen Nenner HipHop zu kommen: Blumfeld nahmen den Rhythmus und den Groove dessen vor allem lyrisch auf, in einer gestanzten (wundervollen) Sprache, Reznors Musik nahm die Beats, das Equipment, die Tanzbarkeit, den Grimm.

Das gerade erschienene „Bad Witch“ gehört nunmehr in eine Trilogie von Veröffentlichungen („Add Violence“ und „Not the Actual Events“) aus den letzten drei Jahren, keine länger als eine halbe Stunde, auf der die Nine Inch Nails – also in diesem Fall Reznor und sein langjähriger Kollaborateur Atticus Ross – wieder stärker Akzente von früher aufnehmen: Also treibende Gitarren und das, was mal Industrial Rock hieß – bei gleichzeitigem Bestehen auf Experimenten wie dem Ambiente von „I’m Not From This World“. Das Saxophon, das in den letzten Jahren wichtiger wurde, ist erfreulicherweise geblieben, wie in der auf einem schnieken Breakbeat gebauten Single „God Break Down the Door“.

Die Industrial Music war in der Form, in der sie von Throbbing Gristle vorgedacht wurde, ein bewusst unpopuläres Projekt, geboren aus der Avantgarde der Kunsthochschulen: Es ging dabei auch darum, den Krach der Fabriken erfahrbar zu machen, den Terror auszustellen, den das Leben für die englische, vorwiegend weiße Arbeiterklasse in ewiggrauen Betontürmen bereithielt. Reznor nahm diesen Krach auf, aber er machte dabei die „schwarzen“ Bezüge wieder deutlicher, indem er den Groove betonte und er baute den Pop mit ein, Refrains durften jetzt wieder als solche erkennbar sein, „Head Like a Hole“ vom Debüt „Pretty Hate Machine“ funktionierte irgendwann auch im Radio und auf MTV – vor allem wegen des Refrains.

In den biographisch ruinösen fünf, sechs Jahren zwischen den zwei Alben „Downward Spiral“ und „The Fragile“ waren die Nine Inch Nails musikalisch auf dem Höhepunkt. Nicht nur wegen „Hurt“, dem Song, der vor allem durch Johnny Cashs Coverversion zu berechtigtem Ruhm kam. Reznor verstimmte seine Instrumente, im ziemlich hotten Track „Piggy“ (die Sexyness der Selbstzerstörung, sozusagen) verwendet er später ein eigenes Schlagzeugsolo, das den ansonsten minimalistischen und auf einer wunderbaren Basslinie groovenden Song zerschießt. Für „We’re In This Together“ wiederum nimmt er eine übersteuerte Gesangsspur, damit der Song nicht zu sehr nach Single klingt. Man könnte sagen, immer wieder fresse sich der Krach hinein in den Wohlklang.

Es ist aber oft umgekehrt: Die Nine Inch Nails ziehen die verschüttete Schönheit aus den Trümmern. Die Songs enden selten einfach im Krach, besagtes „Piggy“ von 1994 reißt sich wieder zusammen. Auch die schön simple Wucht von „Shit Mirror“, dem Eröffnungssong des neuen Albums, ist eher eine falsche Fährte. Das Album bleibt hoch im Tempo, so aggressiv aber wird es nie wieder. Und der abschließende Song „Over and Out“ ist der eigentliche Höhepunkt eines Albums, das nicht mehr die schwitzigen Hände macht wie damals „The Fragile“ – aber noch immer sind die Nine Inch Nails von den großen Bands der 90er die besten, und von der Idee her extremsten Songwriter.

Smooth singt Reznor hier wie Pete Murphy von Bauhaus über die Zeit, die abläuft. Der Bass ist ohne Anstrengung gespielt, vom Druck, der sich mit einer runtertickenden Uhr ergeben könnte, keine Spur. Vor 25 Jahren sang Reznor mal: „Nothing can stop me now, because I don’t care anymore.“ Letzteres war natürlich gelogen. Jetzt aber ist so etwas wie innere Ruhe vorstellbar.

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