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Nicole Cabell Ein kleines Mädchen träumt

Singen mit Mund und Augen: Nicole Cabell mit ungewöhnlichem Liedern in der Oper Frankfurt.

Nicole Cabell
Ungewöhnliche lyrik: Nicole Cabell. Foto: Barbara Müller

Selten war ein Finale der Liederabende in der Oper so religiös wie beim Auftritt von Nicole Cabell. Selten aber auch war das Große Haus so spärlich besetzt. Was nicht an der sakralen Atmosphäre der letzten Lieder lag, denn die hatten einen durchaus populären, weltzugewandten und beschwingten Duktus. Spirituals waren es, die die 1976 in Kalifornien geborene Sopranistin mit afro-asiatisch-amerikanischen Wurzeln präsentierte.

Nein, die Zurückhaltung des ansonsten doch immer zahlreichen Publikums der verdienstvollen Reihe im Opernhaus lag an dem gänzlichen Fehlen der Hausgötter im Reich des Kunstlieds. Selbst die Werke der noch bekannten Namen – Ravels „Cinque mélodies populaire greques“ und fünf der Stücke aus Benjamin Brittens Liederprosa „Les Illumations“ – kann man als unbekannt unterstellen. Erst recht waren es Fernando Obradors und Ricky Ian Gordon; letzterer ein 1956 geborener US-Amerikaner, der eine interessante Melange impressiv-ironischen Ausdrucks in einer Art seriöser Halbseitenartigkeit produziert. Was auch für die Texte seiner Lieder gilt. Wie überhaupt mit dem Verschwinden der kantablen Hauptgötter meist frische, ungewohnte Lyrik aufkommt. „Armes kleines Fragezeichen auf einer Parkbank“ oder „Kleines Mädchen träumt von einem gestutzten Flügel / (Ohne zu wissen, dass es einen ganz großen Steinway gibt)“.

Volumen und gerundete Verve

An dem saß Simon Lepper – ein seine Stimme sehr gut ausgebaut habender und souverän mit derjenigen seiner Partnerin gleichführender Pianist. Cabell selber singt mit Mund und Augen: eine vibratoreiche, registerbruchlose Stimme in vollem Volumen, das sich deutlich im Mundraum bildet bei geringer Obertonspannung.

Die Mimik ist ganz den sprechenden Augen zugeordnet bei statuarischer Positur. Ein spannungsreiches Beziehungselement, das da zwischen Text und Stimmgestaltung vermittelt. Am beeindruckendsten in der reichhaltigen, kleinteiligen Dramatik Brittens und seines Parlandos.

Volumen und gerundete Verve machten die puritanische Sinnlichkeit locker und fließend. Sehr gut war, den Begriff Spiritual ernst zunehmen, fast wie eine Vortragsanweisung. Was alles gemütvoll Schunkelige des oft fülligen Gospelwesens abhielt und bei aller Emphase und Griffigkeit doch eine herbe, dem außeralltäglichen Kern der Stücke entsprechende Haltung vermittelte. Trefflich auch die griechischen Lieder Ravels, wo man Cabell zwischen den makellosen Linien von Tatjana Troyanos und der seraphischen Bewegung von Margarete Price situieren könnte.

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