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Neujahrskonzert Orchester können alles. Fast alles

Das 1822-Neujahrskonzert in der Alten Oper eröffnet mit vergnüglichen Blicken nach vorn und losgelöst von üblichen Verabredungen.

Der junge Taiwanese Tung-Chieh Chuang hatte die JdP buchstäblich im Griff. Foto: Achim Reissner

Mit vergnüglichen Blicken zurück und nach vorn eröffnete die Junge Deutsche Philharmonie das neue Jahr, wie immer eine Woche später. Das ist Reisenden und vermutlich auch den Musikerinnen und Musikern gegenüber rücksichtsvoll. Das 1822-Neujahrskonzert in der Alten Oper Frankfurt verbindet stets eine unorthodoxe Auswahl mit dem Wunsch, es nicht schon zu Jahresbeginn zu anstrengend zu haben. Also beginnt es mit Benjamin Brittens „Young Person’s Guide to the Orchestra“ (1945), einem Stück, das den Glauben an Gestern – Purcells Unsterblichkeit – ebenso feiert wie den Glauben an ein Morgen, in dem junge Personen in die Konzertsäle streben werden. Hier können sie schon einmal hören, was ein Orchester alles kann. Ein Orchester kann alles.

Dem pompösen Beginn folgen irritierende und irrlichternde Variationen, die nicht die Haltung vermitteln, für Jugendliche müsste man es übersichtlicher gestalten. Nicht schematisch, sondern wie losgelöst von üblichen Verabredungen können sich Solisten nach vorne spielen. Eiserne Nerven sind bei den Bläsern gefragt und werden geboten, die vorzügliche Konzertmeisterin funkt regelrecht dazwischen. Der junge Taiwanese Tung-Chieh Chuang – Besuchern der Solti-Wettbewerbs-Endrunde in Erinnerung – scheint alles glänzend und durchaus buchstäblich im Griff zu haben.

Ähnlich farbenprächtig zeigt sich Francis Poulencs Konzert für Orgel, Streicher und Pauken (1938, so viel taufrische Musik aus bleiernen Tagen), ein wendiges, dabei vorwärtsstrebendes Stück. An der Orgel sitzt Martin Lücker, vertraut aus der Katharinenkirche, aber auch im Ensembletrubel ein aufmerksamer, sichtlich mithörender Kollege.

Im zweiten Teil bleibt die Zeit zur Abwechslung stehen, nein, natürlich kann sie das nicht (und nein, ein Orchester kann doch nur fast alles). Aber die Entschleunigung ist enorm. Bruno Mantovanis „Time Stretch (on Gesualdo)“ von 2006 greift wieder ein altes Motiv auf und zerdehnt es melancholisch sowie ironisch. Während das Schöne noch festgehalten werden soll, verzerrt es sich schon ins Schräge. Wie alles, was sich der Gewohnheit rigoros entzieht, hat das eine unheimliche Seite. Nicht so das vertrauteste Werk des Hauptprogramms, Ottorino Respighis mit Verve wie Genauigkeit gespielte „Pini di Roma“ (1924).

Unter den Zugaben eine Portion „Pomp & Circumstance“ von Edward Elgar und das Intermezzo aus „Cavalleria rusticana“, damit wir nicht nur fidel, sondern auch mit einer niveauvollen Träne auf der Wange ins Jahr gehen.

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