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Neues Album von To Rococo Rot Vorwärts, rückwärts

Die Band To Rococo Rot macht seit Mitte der 90er Musik auf der Schwelle zwischen digitaler Eleganz und analoger Deftigkeit. Das neue Album hält die Grenze zwischen Mensch und Maschine offen. Von Tobi Müller, ( mit Video)

26.03.2010 00:03
Von Tobi Müller
Meister des Minimalismus: Die Jungs von Rococo Rot. Foto: Rococo Rot

Der Puls pocht ohne Sauerstoff, der Halleffekt bricht ab. Alles ist synthetisch. Der Bass dagegen "brät" und "bratzt", wie der Schlagzeuger Ronald Lippok den Sound beschreibt. Es klingt tatsächlich wie eine spritzend heiße Ölpfanne im keimfreien Labor. To Rococo Rot lieben solche Klangräume zwischen digitaler Eleganz und analoger Deftigkeit. Oder analoger Eleganz und digitaler Deftigkeit, man kann das auch umgekehrt hören. Rückwärts lesen lässt sich die Band sowieso: toR ococoR oT, To Rococo Rot.

Das deutsche Trio macht seit Mitte der neunziger Jahre Musik auf dieser Klang-Schwelle. Mal mehr in die elegante, mal mehr in die ruppige Richtung. Die Landesgrenzen hat man damit längst überschritten, in England einen Vertrag unterschrieben und auf der halben Welt gespielt.

Zum Gespräch treffen wir uns in jenem Teil Ost-Berlins, wo nichts mehr an die DDR erinnert, aus deren Underground Ronald Lippok und sein Bruder Robert kommen. Die Mittvierziger waren das ostdeutsche Bindeglied zwischen Punk, New Wave und Techno. Gerade in Berlin gab es seit den frühen achtziger Jahren eine Schule des Kraches und der Elektronik, die auf beiden Seiten der Mauer prägend war. Ronald Lippok: "Heute haben viele Laptop-Musiker wieder diese Sehnsucht nach dem akustischen Klang. Wir kannten das seit unseren Anfängen."

Was man andernorts seltsam fand, hatte in Berlin schon beinahe Tradition. Denn hier führten die letzten Rillen des Punk fast bruchlos zu den ersten Techno-Tracks. Die Lust am Mischklang spürt man bis heute. Robert Lippok, der Bruder fürs Elektronische, erzählt fast wie ein kleiner Junge vom "großen schwarzen Verstärker", den sie für ihren Bassisten Stephan Schneider im Studio aufgestellt haben. Das alte Ungetüm und die schicken Rechner: Diese zeitlose Mésalliance hört man gleich in der ersten Nummer des neuen Albums von To Rococo Rot. "Speculation" lässt auch die Maschinen mal analoge Störgeräusche spucken, während sich das Schlagzeug eher zurückhält.

To Rococo Rot - Speculation, Making-of-Kurzfilm

Ronald Lippok spielt fast immer mit den so genannten Rods aus Holz, englisch für Ruten, etwas zwischen den feinen Besen und den herkömmlichen Schlagzeug-Sticks. Warum? Geht es um Vorsicht, um Sorge, um die sachte Improvisation? Lustigerweise antwortet nicht der Schlagzeuger, sondern sein Bruder Robert: "Im Gegenteil, es geht bei den Rods um mehr Energie. Wenn man mit den Sticks kräftig auf die Trommel haut, knallt es zwar gleich. Aber dynamisch ist das nicht."

Die Lippoks sprechen wie eine klassische Live Band über ihr neues Album: Es geht viel um Klang. Zum einen ist das am Ende der übliche Weg vom jungen Kellerprojekt zum etablierten Kollektiv - wer besser klingen kann, klingt halt irgendwann besser, Punk hin, Techno her. Zum andern liegt das Klangthema aber auch am konkreten Prozess, der zu "Speculation" geführt hat.

Bevor das Trio auf Tournee ging, hatte man beschlossen, nur neue Stücke zu spielen. Nach einer knappen Woche im engen Proberaum waren die Gerüste aufgestellt. "Die Direktheit und die Nähe, das ist im Grunde der Klang des Proberaumes. Das wollten wir auch auf dem Album haben." Frisch von der Bühne schritten sie zur Aufnahme, und ein schöner Teil der Live-Intensität hat den Vorgang überlebt.

Von der Beschäftigung mit Klang ist es oft nicht weit zum leeren Wohlklang. To Rococo Rot wissen darum, und lassen auch diese Grenze gerne offen. Es gibt romantische Passagen, die "unkontrolliert Schönheit zulassen", wie Ronald Lippok sagt. Es komme darauf an, ob man sich von der Schönheit überwältigen, er sagt sogar: penetrieren lasse. Und dann gibt es auch wieder längere Strecken des Reizentzugs.

Klangmeister Tobias Levin, der ihre früheren Alben betreute, soll jeweils vor den Lautsprechern gesessen haben wie vor einem Hühnerstall: "Put, put, put, put - wann kommt diese Musik endlich aus ihrer Deckung", erzählt Ronald Lippok. Irgendwann bricht sie behutsam aus. Hier eine kleine Dissonanz, dort ein Störgeräusch, plötzlich eine Improvisation. Ohne Makel keine Schönheit, sagt Ronald.

Die Gelassenheit im Umgang mit Wiederholungen und grenzschönem Minimalismus, gefolgt von freieren Passagen, das erinnert an eine weitere deutsche Tradition. An Krautrock, wie die englische Musikpresse in den frühen Siebzigern Bands wie Can, Neu! oder Faust nannte. "Am Anfang wurden wir jedes Mal auf Krautrock reduziert", lacht Robert Lippok. "Wir mochten diesen Vergleich nicht, weil darin etwas extrem Deutsches mitschwingt. Heute müssen wir uns dazu verhalten, klar."

Klar ist das, weil "Speculation" im Zentrum von Krautrock aufgenommen wurde, im Aufnahmestudio von Jochen Irmler, der bei Faust mitspielte. Der Weg von Ost-Berliner Hipstern zu süddeutschen Hippies ist nicht so weit, wie man denkt. Es gibt eine fast weltanschauliche Nähe - keine Hierarchien, kollektive Arbeit. Die Frage, ob sie denn auch monatelang im Studio rumgesessen hätten wie die Krautrocker, unterbricht Robert ungewöhnlich schnell: "Nee, nee, nee, soweit geht die Liebe nicht. Wir mögen Effizienz."

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