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Neue CDs Rapperinnen auf dem Stand der Dinge

Schroffe Kleinode, reihenweise Ungewöhnliches: Vielversprechende Alben von Princess Nokia und Haiyti.

Eine eigene Modelinie soll folgen: Haiyti. Foto: Tim Bruening

Eine erste internationale Aufmerksamkeit bekam die als Princess Nokia firmierende New Yorker Rapperin und feministisch-afroamerikanische Aktivistin Destiny Frasqueri 2016. Da veröffentlichte sie die nach ihrem Geburtsjahr benannte EP „1992“ über das Internet. Nun liegt „1992 Deluxe“ vor. „Deluxe“, das könnte für Missverständnisse sorgen: Es handelt sich nicht um eine mit irgendwelchem ursprünglich liegengebliebenem Material aufgeplusterte Fassung, sondern um ein vom ersten bis zum letzten Song grandioses Album; die Hälfte der 16 Nummern auf fünfzig dankenswert kompakten Minuten ist neu.

Rollenspielerisch münzt die aus einer Familie puerto-ricanischer Einwanderer stammende Rapperin mal die genretypischen Behauptungen von Überlegenheit auf die „bitches“ um. Dann wieder geht es um das Selbstbewusstsein der afrikanischen Diaspora. Sehr klassisch geht es um ein Einfordern von Respekt. Respekt vor Frauen, Respekt vor Schwarzen, Respekt vor denen, die von den geschlechtlichen Normen abweichen. Der Smart Girl Club, den Frasqueri mitbegründet hat, definiert sich als „urban feminist collective“, er will unter anderem den Diskurs an Universitäten vorantreiben und „Sisterhood“ befördern, weibliche Solidarität also.

Ein Album aus der Perspektive eines „very boyish silly girl“ habe sie im Sinn gehabt, sagt Frasqueri. Es geht mithin um die Figur des Tomboy – und so lautet auch einer der Titel. Das Wort bezeichnet Mädchen und Frauen, die sich abweichend von den geschlechtlichen Rollenzuschreibungen verhalten. Princess Nokia gelingt es reihenweise, außerordentliche Nummern hervorzubringen, die auch musikalisch die Klischees des Mainstream hinter sich lassen, ungeachtet ihres rauen Reduktionismus aber zugänglich bleiben. Phänomenal ist die Vielförmigkeit ihrer Songs, die sich gleichwohl zu einem Zyklus mit einem weit gespannten dramaturgischen Bogen fügen.

Haiyti will hoch hinaus, das könnte ihr gelingen

Die neunziger Jahre, auf die sich Princess Nokia – auch so lässt sich der Titel verstehen – popkulturell bezieht, waren auch die Zeit der Riot-Grrrls; deren Popfeminismus kann man als ein Bindeglied zu der aus dem Hamburgischen stammenden Rapperin Haiyti sehen. Sie will hoch hinaus – womöglich wird ihr das auch gelingen, auf dem Sprung ist sie jedenfalls. Bislang wurde sie als offener Geheimtipp gehandelt, als die große weibliche Hoffnung des Deutschraps. Nun kommt ihr Debütalbum „Montenegro Zero“ heraus; geht es nach ihren Vorstellungen, werden alsbald eine eigene Parfüm- und Kosmetik-, Mode-, Schuh- und Werweißwas-Linie folgen. Da denkt sie ganz nach dem Wort des Rappers 50 Cent, „Get Rich or Die Tryin‘“. Musikalisch nennt sie auch die Gangsta-Rapper aus den US-Südstaaten als Vorbild. In einer poppigen Art ist ihre Musik auf dem Stand der Dinge. Die basslastigen, eher schleppenden Beats des hippen Berliner Produzententrios KitschKrieg lassen den Einfluss des Trap erkennen, eines jüngeren Subgenres des Südstaatenraps, ebenso den des jamaikanischen Dancehallreggaes.

Mögen auch die ewigen Vocoder-Effekte etwas arg stereotyp wirken, so ist das doch ein Album voller schroffer Kleinode. Haiyti präsentiert klassische Allmachtsphantasien des Rap wie jene von „100 000 Fans“ und von Reichtümern, „Gold“ wiederum ist eine Liebes(kummer)ballade. Sie selbst spricht von „Gangsta-Pop“, nachvollziehbarerweise. Mit ihrem alten Prinzip: „Ich setz’ auf Quantität, viel raushauen“, roh und ungeschliffen, auch was die Videos angeht, könnte es unter der Regie eines großen Plattenlabels nun allerdings flugs vorbei sein.

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