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Neue CD Frikassierter Gospel, abgrundtiefe Bässe

RP Boo erneuert auf seinem Album „I’ll Tell You What“ elegant und präzise den Chicago Footwork.

RP Boo
Sagt auch gern mal dem Bösen den Kampf an: RP Boo. Foto: Will Glasspiegel

Der Musiker und Produzent RP Boo ist Ende der neunziger Jahre einer der Pioniere von Chicago Footwork gewesen, einem Subgenre von House. Er hat einmal gesagt, er habe diesen Musikstil aus seinem Handeln als Tänzer heraus entwickelt. Es handelt sich um eine Musik der abgrundtiefen Bässe, einen durchgängigen Beat gibt es nicht. In Europa ist es erst 2010 der Sampler „Bangs & Works Vol. 1 – A Chicago Footwork Compilation“ gewesen, der für eine Wahrnehmung dieser ungewöhnlichen Musik über die inneren Kennerzirkel hinaus gesorgt hat.

Genaugenommen handelt es sich bei „I’ll Tell You What!“ um das späte Debütalbum des Anfangvierzigers. Ende der neunziger Jahre hat Kavain Space, wie RP Boo zivil heißt, ganz klassisch nur Singles und EPs veröffentlicht; die beiden Alben, die seit 2013 herausgekommen sind, versammeln bereist vorhandene Nummern. „I’ll Tell You What!“ ist das erste, das als solches angelegt ist, mit ausschließlich neuen Stücken. Es handelt sich um ein Meisterwerk.

Footwork ist ursprünglich eine ziemlich hibbelige Musik gewesen. Kavain Space hat ihn gleichsam runderneuert. Im Sinne einer Verlangsamung, unter der Erfahrung von neueren musikalischen Strömungen wie dem Post-Dubstep. Praktisch durchweg ist die Stimmung eine verdüsterte. Ganz selten nur flammt nachhallartig ein – auch wieder gleich gebrochener – Schein der Euphorie des Dancefloors auf.

Alles ist rundum sehr präzise und elegant gearbeitet. Der Track als Bühne für sonische Ereignisse. Und für die Auftritte von ausgesprochen vielen vokalen Sampleloops, die meistens in einen Dialog miteinander treten. Da ist eine enorme Bewegung drin. Ein Groove des musikalischen Dialogs. Man kann darin auch eine zeitgenössische Art des zum Grundbestand der afrikanisch verwurzelten schwarzen Musikkultur gehörenden Call and Response nennen. Bis hin zu einem vielstimmigen Konzert der Stimmen in „At War“. Da heißt es: „Auf der Straße sind wir im Krieg“.

„If you bring fire / RP Boo will make you burn“, lautet die harsch pointierte Kampfansage an das Böse in einem knappen, von Space selbst getätigten Rap in der Nummer ,,Bounty“. Was uns RP Boo erzählen will, erzählt er uns allerdings in erster Linie mit der widerständigen Ästhetik seiner Musik. Parolen sind die Ausnahme.

In „U-Don’t Know“ wird Stevie Wonders Gesang mit der Textzeile „Cause they always start to cry“ aus seinem Standard „Lately“ in einen Call and Response gezogen. Der elektromusikalische Hintergrund in „Wicked Blue“ klingt wie eine gedämpfte Fassung von Anne Clark. Ein stereophones Pingpong ist das Kennzeichen von „Work the Flow“. „U Belong 2 Me“ sticht heraus als beinahe – aber eben doch bloß beinahe – straighte Tanznummer.

Der einstmalige Pionier mutet ganz und gar nicht wie ein gesetzter Veteran an, seine Musik klingt ausgesprochen heutig. Und die Stafette geht weiter. Gespannt sein darf man schon auf das für den September gleichfalls bei Planet Mu, dem englischen Label der Technolegende Mike Paradinas, annoncierte dritte Album „Autobiography“ von der ebenfalls aus Chicago stammenden Jerrilynn Patton, Jahrgang 1987, die sich Jlin nennt und 2017 das großartige „Black Origami“ herausgebracht hatte, das hohe Ränge in den Jahresbestenlisten belegte – sie bezieht sich explizit auf Chicago Footwork.

RP Boo: I’ll Tell You What! Planet Mu/Cargo.

Jlin: Autobiography. Planet Mu/Cargo. Angekündigt für Ende September.

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