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Nachruf Dieter Schnebel Außenseiter der Nachkriegsmoderne

Zum Tod des musikalischen Avantgardisten, feinen Beobachters und Neo-Dadaisten Dieter Schnebel.

Dieter Schnebel
Der Komponist Dieter Schnebel. Foto: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild)

Er war einer der Querschläger in der auf geradem Weg nach vorne schießenden Kompanie der musikalischen Avantgardisten der Nachkriegsmoderne. Keiner, der sich wie das serielle Dreigestirn Stockhausen-Nono-Boulez einer monolithischen Ästhetik verschrieb.

Dieter Schnebel kam aus evangelischen Milieu, wo alles Menschliche mit seinen kreatürlichen Dispositionen und Handicaps ernst genommen wird und seine Form sucht. Das machte den 1930 geborenen Schwaben zu einer Art deutschen Übersetzer des Credos von John Cage „Take it easy, but take it“. Ein Neo-Dadaist sicherlich darin auch, der schon mit seinen frühen Werken dem gestalterisch Abständigen, dem Rufen, Stöhnen, Krächzen, Jubilieren im Flux der stimmlichen Zustände in allen kulturellen Höhenlagen von der Arie bis zum ordinären Alltagsgebrabbel und existentiellen Gestammel nachging.

Die ästhetischen Vorder- und Hinterbühnen kamen sich spannend ins Gehege, wie bei den „Choralvorspielen“ (1966/69), wo man die Königin der Instrumente als schnaufendes, klapperndes, piepsendes Klangmechanikmonster erlebte. Noch im hohen Alter bei Happy New Ears in Frankfurt stellte Dieter Schnebel Werke vor, die er einst im Auftrag der Deutschen Musikautomatenindustrie schuf: kreative Flipperdestruktionen.

Schnebel war dabei ein Analytiker des Musikbetriebs, der Interaktionen beim Herstellen von Kunst in ihrer Komik und ihrem Herrschaftsmoment zu thematisieren wusste. Musik für einen Dirigenten solo etwa. Auch ein feiner Beobachter der Schematisierungen und Klischees der Neuen Musik, der er 1978 ein echtes Kuckucksei ins Nest legte. Noch hatte kaum einer das Ende des als ewig weitergehend gedachten musikalischen Fortschritts im Visier, da kam seine „Schubert-Phantasie“ heraus. Ein Prototyp des fürderhin um sich greifenden Rekonstruktionismus, des Aufgreifens von Tradition in origineller Form. Ein aus Schuberts Idiomen gebildetes Konzentrat, so etwas wie der Schubertsche Gen-Code mit seinen rotierenden, modalen Schwingungen als weicher Klangmasse.

Von 1976 bis 1995 war er Professor für experimentelle Musik und Musikwissenschaft an der Hochschule der Künste in Berlin. Als Schriftsteller war Schnebel außerdem ein entzündender Autor. Sein Text über das Triebleben der Klänge im „Tristan“, seine Essays zu Schubert oder Mahler, auch zu den Werken von Kollegen waren nachhaltig.

Eines seiner bedeutendsten Werke trägt den Titel „Glossolalie“ (von 1960) und bezieht sich auf das pfingstliche Reden in vielen Zungen. Am Pfingstsonntag ist Dieter Schnebel in Berlin im Alter von 88 Jahren gestorben.

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