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Nachruf Bye Bye Johnny

Der Rock’n’Roll ist jetzt Vollwaise, denn Chuck Berry, sein letzter direkter Verwandter, Pionier des Entengangs, ist tot.

Chuck Berry
Chuck Berry 1986 im Fox Theater in St. Louis. Seine Shows sind legendär. Foto: James A. Finley/dpa

Drei Lieder, die die Welt verändert haben: „Johnny B. Goode“, „Rock And Roll Music“, „Roll Over Beethoven“. Drei Lieder, die Chuck Berry aus Missouri schrieb, in einem anderen Erdzeitalter, wie es scheint. Drei Lieder, die noch heute überall gespielt und nachgespielt werden. Unzählige Hits aus der Feder des ersten schwarzen Pop-Superstars folgten, aber jetzt hat er die Produktion eingestellt – Chuck Berry ist tot. Er starb am Samstag, fünf Monate nach seinem 90. Geburtstag, daheim in St. Charles.

Schon im Oktober war die Verblüffung groß gewesen, vor allem bei den Jüngeren: Was – Chuck Berry lebt noch? Und wer es damals schaffte, irgendwie dem Trommelwirbel der Glückwunschbotschaften zu entgehen, mit Netflix und Scheuklappen oder womit auch immer, der ist eben jetzt von den Socken: What – Chuck Berry hat noch gelebt?

Aber es ist ja verständlich. Man kann es eigentlich nicht fassen. Ein Wunder, dass der Mann noch da war, die ganze Zeit. Kurt Cobain und Amy Winehouse kamen und gingen, Brian Jones und Jim Morrison. Selbst wenn Elvis Presley noch lebte (und die meisten Menschen gehen ja davon aus, dass es so ist, zumindest im Süden der Vereinigten Staaten), wäre das, nach Jahren berechnet, weitaus plausibler als bei Chuck Berry.

Wenn Rock’n’Roll einen anderen Namen bräuchte, könne die Bezeichnung eigentlich nur Chuck Berry lauten, hat John Lennon einmal gesagt – noch so einer, der auf die Welt kam, als Berry längst rockte, und 37 Jahre vor ihm ging. Ganz zu schweigen von all den Leuten, die im vorigen Jahr den Instrumentenkoffer zuklappten und jetzt auf Erinnerungsfotos mit dem Vorfahren auftauchen. Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister, um nur noch einen zu nennen.

Dass Chuck Berry gestorben ist, fühlt sich an, als wäre der Erfinder des Automobils gestorben. Oder sagen wir: der Erfinder des Automobils mit Kupplung, Dach und vier Rädern. Denn selbstverständlich kann der Schlaks aus dem Süden nicht als alleiniger Erfinder des Rock’n’Rolls gelten; dazu war die Entwicklung der Stilrichtung viel zu verzweigt, ein Prozess, der nicht als Urknall über barocke Tanzgesellschaften hereinbrach, sondern wuchs wie ein Backenbart, wenn auch häufig im Verborgenen. Aber was Berry daraus machte, das ließ ihn zum einmaligen Naturereignis werden. Und zum Entdecker des sogenannten Entengangs allemal, der Fortbewegung auf einem hüpfenden Bein, das andere vorausgestreckt, die Gitarre im Anschlag, fetzig solierend.

Der runde Geburtstag des Urgroßvaters der heutigen Rock-Generation war im Oktober bereits Anlass gewesen, in Superlativen zu singen, in Welträumen gewissermaßen. Da ist etwa die intergalaktische Berühmtheit „Johnny B. Goode“, Berrys Geschichte über den Südstaaten-Boy, der das Gitarrenspiel dem Lesen und Schreiben vorzieht und dem Traum nachhängt, einst gefeierter Stern am Rockhimmel zu sein. Der Song flog vor 40 Jahren mit den Voyager-Raumsonden ins All. Die Mission: fremden Gesellschaften von unserer Kultur künden. Dass bald darauf die Antwort einer Nachbargalaxie inklusive Nachbestellung eintraf („Send more Chuck Berry“), war ein Witz der US-Fernsehshow „Saturday Night Live“. Aber weniger abwegig, als hätten die Außerirdischen einen Nachschlag zum Grußwort des damaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim verlangt, das mit Voyager ebenfalls irgendwo da draußen herumgeistert.

Das Gitarrenriff aus diesem weitgereisten Song wird für alle Zeit ein Standard bleiben, der erklingt, wann immer sich jemand eine Gibson-Halbresonanzgitarre umhängt. So wie Michael J. Fox in „Zurück in die Zukunft“ eben. Charles Edward Anderson Berry spielte dieses Riff zeitlebens mit frappierender Leichtigkeit, ein Lächeln im Gesicht und den Blick eines bewegten Lebens. Das verlief nicht immer saitengerade, es pendelte zwischen High School und Gefängnis, Radiopförtner-Job, Konzertbühnen und wieder Gefängnis. Besonders das Verhältnis mit einem weitaus jüngeren Mädchen spielte da eine unrühmliche Rolle.

Die Zeit im Knast hätte Berry beinahe aus der Musikgeschichte hinauskatapultiert, aber dann kamen die neuen Stars und machten seine alten Hits wieder berühmt. Fluch und Segen zugleich war das. „Manchmal hören Kids Platten von mir, und dann sagen sie: Mann, der Typ spielt ja ’ne Rolling-Stones-Nummer“, beklagte sich der Urheber einmal, zitiert von Buchautor Arnold Shaw. Aber wer sich ein wenig beschäftigt hat mit dem Rock’n’Roll, der weiß um den Einfluss des Herrn mit den geölten Locken; der weiß, dass Berry seinen Weg selbst bahnen musste gegen Spießertum und Rassismus; der weiß, dass er damit den Weg freimachte für all die anderen Typen. Und dass deren skandalöse Hüftschwünge letztlich ein Klacks waren im Vergleich zu den dicken Brettern, die Berry bohrte.

Nach 1979 erschien kein Studioalbum des großen Entertainers mehr. Seine Songs spielten ja jetzt andere Leute, von AC/DC bis Status Quo – aber auf die Bühne ging der alte Herr bis vor gut zwei Jahren immer noch, etwa in seinem Blueberry-Hill-Restaurant in St. Louis. Im Entensaal natürlich. Für 2017 hatte Berry dann doch noch eine Neuveröffentlichung angekündigt, 60 Jahre nach „Rock’n’Roll Music“. Auf der Platte mit dem Titel „Chuck“ soll die Blueberry Hill Band spielen, verstärkt durch Berrys Tochter Ingrid und seinen Sohn Charles jr.

Als am Samstag die Polizei in St. Charles County den Tod des Stars „traurig bestätigte“, löste das eine riesige Welle von Beileidsbekundungen aus. „Bye Bye Johnny“ riefen ihm manche hinterher, den Titel eines seiner bekanntesten Hits von 1960. Sängerkollege Bruce Springsteen nannte ihn den „größten puren Rock’n’Roll-Schreiber, der je gelebt hat“. Otto Waalkes erinnerte an „Roll Over Beethoven“ als ersten Song, den er auf der Gitarre spielen konnte. Und Horror-Autor Stephen King twitterte: „Das bricht mir das Herz, aber 90 Jahre sind nicht schlecht für Rock and Roll.“

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