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Nachruf Alles geht, nichts muss

Zum Tod des Can-Bassisten Holger Czukay, der 79 Jahre alt geworden ist.

Gruppe "Can" 1972
Die Band Can 1971: Irmin Schmidt, Jaki Liebezeit, Michael Karoli, Ulli Gerlach und, ganz rechts, Bassist Holger Czukay. Vorne: Damo Suzuki. Foto: dpa

Ganz allein sitzt der Mann mit dem Lenkstangenbart im ehemaligen Kinosaal von Weilerswist, dessen Wände er mit Matratzen ausgekleidet hat. Er lauscht fernen Stimmen aus dem Kurzwellenradio, ein Farsi-Sänger, eine persische Schönheit, die ihm zu antworten scheint, könnte auch indisch sein. Später, als er diese Fundstücke aus dem Äther für seinen „Persian Love Song“ verwendet – wer braucht schon einen Sänger, wenn sich die schönsten Stimmen aus der Luft einfangen lassen? – kombiniert Holger Czukay sie mit einer fröhlich dahinperlenden Gitarre, die eine Brücke zwischen afrikanischer Highlife-Musik und hawaiianischen Ukulelen baut – und schlägt auf diese Weise auch der Orientalismusfalle einen Haken.

Dieser „Persian Love Song“ aus dem Jahr 1979 ist eines der frühesten Beispiele für Weltmusik und die Macht des Sampling im Pop, also für die Kunst des Zitats. Zwei Jahre später griffen Brian Eno und David Byrne Czukays Idee auf und machten daraus ein ganzes, nicht minder großartiges Album, „My Life in the Bush of Ghosts“.

Man findet das Stück auf „Movies“, dem ersten Album, das Czukay veröffentlicht hat, nachdem er Can verlassen hat. Man hatte sich zu Tode kritisiert, begründete Czukay später seinen Bruch mit der einflussreichsten Band, die jemals aus Köln kam. Doch man blieb befreundet und die gesamte Band spielte auf „Movies“ mit, hörbar erleichtert von der Bürde, Can zu sein.

Es war von Anfang an das allerunwahrscheinlichste Zusammentreffen von Musikern gewesen, denen einzig der Wunsch gemein war, ihre jeweilige Filterblase zu verlassen, wie man heute sagen würde. Nominell übernahm Czukay bei Can den Part des Bassisten, tatsächlich war er eher so etwas wie der Zampano der Band, der die endlosen Jamsessions seiner Mitmusiker – zuerst in Schloss Nörvenich, später im Weilerswister Inner Space Studio – auf Tonband mitschnitt, auf der Suche nach den magischen Momenten, in denen vielleicht gerade Missverständnisse zwischen den so unterschiedlich ausgebildeten Spielern, zufällige Fehler, zu etwas völlig Neuem führten. Sich selbst bezeichnete Czukay als universellen Dilettanten, jemanden, der alles, aber nichts richtig konnte – und gerade deshalb fündig wurde.

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