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Musik Tektonik in Eberbach

Zum Abschluss des Rheingau Musik Festivals dirigiert Yannick Nézet-Séguin Sinfonisches Mozart und Bruckner.

Basilika des Kloster Eberbach
In der Basilika des Klosters Eberbach findet das Abschlusskonzert des Rheingau-Musikfestivals statt. Foto: imago

Fast 150 mal haben die Veranstalter des Rheingau Musik Festivals Kurzcharakteristiken verfasst. Jeweils eine für jedes Konzert zusammen mit einem Buchstaben-Zahlenkürzel und den jeweiligen Programmtiteln. Der Textbausteinkasten schien aus dem Arbeitsbereich einer eher niederschwelligen Werbersprache zu stammen, mit „Powerfrau“ oder „Gänsehaut-Garantie“, „Klangmagier“, „Klangrausch mit Dies irae“ usw. Die schönste Kreation war wohl „Tastenfeuerwerk der Menschlichkeit“ zum Gabriela Montero-Konzert.

Aber auch das Motto für „K 149“, das Abschlusskonzert in Basilika Eberbach, hätte Anspruch auf einen vorderen Platz unter den Festival-Stilblüten erheben können. Mit dem Auftritt der Rotterdamer Philharmoniker und ihrem scheidenden Chefdirigenten Yannick Nézet-Séguin verband man „Lebensfreude und Klangrausch pur“.

Nicht ganz treffend, denn der nach zehn Jahren seinen Platz in Rotterdam räumende und denjenigen des Chefs der New Yorker Metropolitan Opera einnehmende 43-jährige Dirigent schlug Töne an, die weniger pur und rauschend waren. Vielleicht war den Ausführenden die heikle Akustik des romanischen Riesengemäuers bewusst geworden, wo nicht allein der Haffner-Sinfonie Wolfgang Amadeus Mozarts, sondern auch der 4. Sinfonie Anton Bruckners ein bässe-hallendes Tohuwabohu drohte. Jedenfalls war auffällig das Gewicht, das Nézet-Séguin, dem zu Beginn des Konzerts der diesjährige Preis des Festivals verliehen wurde, auf die modulationsreichen, sich im verhaltenen Bereich des Ausdrucks bewegenden Klanggänge Mozarts legte.

Eine gewichtige Leichtigkeit gewissermaßen und damit verbunden eine Bedeutungsverlagerung, bei der man das polternde Tutti der sei’s finalen, sei’s durchführungsnahen Partien als rumpelnde Atmosphäre hinnehmen konnte. Gespielt wurde alles fein Timbrierte und Sublime exzellent.

Bei Anton Bruckners 4. Sinfonie war Langsamkeit und ein fließender, herunter gepegelter Duktus die Lösung mancher akustischer Eberbach-Probleme. Damit blieb natürlich die Brucknersche Form-Exzentrik, ihr kubisches Verdichten und Zerstreuen bei manischer Motivverschachtelung auf der Strecke: Tektonik adé. Statt dessen war der Brucknersche Kosmos sehr deutlich und nicht unzutreffend wagnerianisch fokussiert. Waldweben, Karfreitags- und Feuerzauber, tristanischer Minnewald: ein sinfonischer Fries, der den dramatischen Habitus in ein statuarisches Stimmungsbild verwandelte. Im Scherzo kam dank dieser Lesart so mancher Mahlerismus hinzu, während im vierten Satz mit seinen Bläser-Forciertheiten blecherne Halligkeit nicht zu vermeiden war.

Hervorragend inszeniert war die Auftürmung in der Coda des Finalsatzes, die dank konsequent beibehaltener Langsamkeit und stufenfreier Dynamikverdichtung wie in einer schraubenden Bewegung stattfand. Eine Elevation, die den latent andachtsvollen Charakter des ganzen Werks wie in einer

Legte man die traditionelle E- und U-Musik-Unterscheidung an, waren zwei Drittel der Rheingau-Konzerte auf E-Level. Chapeau!

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