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Musik Das Ohr im frischen Wind

Mumford & Sons hat sich für Bombast entschieden, Mountain Man fürs Quellklare.

Mountain Man
Die drei Ladies von Mountain Man. Foto: Shervin Lainez

Wer Douglas Adams’ wunderbar abgefahrenes Weltraumabenteuer „Per Anhalter durch die Galaxis“ kennt, wer also auch die Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ kennt – sie lautet in aller Kürze „42“ –, der wird angesichts eines Albums, das mit dem Songtitel „42“ startet, Großes erwarten. Oder doch wenigstens ein bisschen augenzwinkernde Leichtigkeit und eine Prise Hintersinn. Doch Mumford & Sons zwinkern nicht, jedenfalls nicht mehr auf ihrem vierten Album „Delta“. Sie schlüpfen auch nicht mehr in Hinterwäldler-Kostüme und schrammeln und weben munteren Wohlklang.

Es gab viel Spott für das Quartett um Marcus Mumford, als es 2009 mit seinem Folk-Debüt „Sigh No More“ schnell und beachtlich Erfolg hatte. Man warf den jungen Männern aus London unter anderem vor, sich den Appalachen-Schönklang nur angemaßt zu haben: Schnieke Jungs, die Holzfäller spielen. Mag sein – aber Mumford, Ben Lovett, Winston Marshall und Ted Dwane waren nicht schlecht in ihrer Rolle. Und Authentizität ist in der Kunst eh nur ein Wort.

Doch dann sind Mumford & Sons weitergezogen, weg vom Lagerfeuer in Richtung Coldplay und Stadion-Bombast. Und als sie der bekannte Produzent Paul Epworth jetzt aufforderte, ihre akustischen Instrumente zu den Aufnahmen für „Delta“ mitzubringen, sollen sie befremdet bis entsetzt gewesen sein. Sie hätten sich nicht zu sorgen brauchen: dass bei einem Titel sieben Banjos zum Einsatz gekommen sind (sein sollen), merkt kein Mensch mehr, so radikal wurden sie zurechtgesampelt. Ein britischer Kritiker sprach von „synthetischen Ärgernissen“.

Größere Ärgernisse aber sind das regelmäßige, brausende Anschwellen des Bombasts, so zuletzt auch in „42“, und die Abgegriffenheit vieler Textzeilen und Sprachbilder. Die Mumfords selbst haben über ihre vier Themen-Ds gesprochen, die da lauten: „death, divorce, drugs and depression“. Und leider ziehen sie es durch, singt Marcus Mumford mit seinem ausdrucksvoll-prägnanten, leicht rauen Bariton Song um Song von der „dunkelsten Stunde“, dem „Fluch der Welt“, von Staub zu Staub, frostig nachhallenden Wörtern und einer Nacht, die in die nächste Nacht „blutet“.

Man hat gar den amerikanischen Singer-Songwriter Gill Landry engagiert, vermutlich, weil er so schön ominös raunen kann: „Darkness Visible“ heißt der Track und Landry trägt einen Text aus John Miltons „Paradise Lost“ vor, spricht von Feuer und Verderbnis, Zorn, Schmerz, Qual. Zweimal hat Epworth das große Orchester dazugeholt, „The Wild“ klingt darum am Ende wie die Musik zu einem Weltraumabenteuer. In „Slip Away“, das zu einem Sterbenden zu sprechen scheint, prasselt die Percussion ausgerechnet beim dritten „be still“ los.

Sie wollten wohl ganz entschieden woanders hin, die Mumfords, raus aus dem Wald und den karierten Hemden, weg von der akustischen Musik – nun sind sie in einem Folk-Rock-Mainstream mit Einsprengseln aus Rap, Jazz, Goth gelandet. Aber vielleicht muss man ihren Mut anerkennen, ihre frühen Fans zu verlieren beim 08/15-Marsch in die Stadien.

Indessen kommt ein ganz frischer, frecher Wind aus dem amerikanischen Vermont, wo Molly Erin Sarle, Alexandra Sauser-Monnig and Amelia Randall Meath zusammenfanden unter dem Bandnamen „Mountain Man“. Acht Jahre nach dem Debüt „Made the Harbor“ brachten die drei 2018 ihr zweites, so schmales (36 Minuten!) wie reiches Album „Magic Ship“ heraus. Quellwasser sprudelt durch diesen Appalachian Folk, Feen flechten ihre Stimmen ineinander, zaubrisch zarte Gespinste wehen durch die kalte Luft. Gut die Hälfte der 14 kurzen Titel wird von den drei Frauen a cappella vorgetragen, beim Rest der Lieder plinkert sparsam und verhalten eine Gitarre, nie hascht sie nach Aufmerksamkeit. Aber das tun auch die Sängerinnen nicht.

Ihr magisches Schiff segelt ohne Zierrat. Viel minimalistischer kann Musik nicht mehr sein. Und trotzdem transportiert sie bei Mountain Man das Augenzwinkern, das den Mumfords so sehr abgeht, trotzdem weitet sich das Herz und hüpft froh bei jedem feinen Zupfen und Summen. Die herrlich reinen, sich oft um- und übereinander schichtenden Stimmen sind der eine Grund, der andere ist, dass die Vermonter Bergfrauen ihre munteren Texte auch mit einer gewissen Selbstironie transportieren können. Zwischen „Window“ (55 Sekunden) und „Guilt“ (55 Sekunden) geht die Reise traumhaft sicher unter anderem am Mond und den Sternen, an einem Wal und einem starken grünen Fisch („great green moving muscle sleek“) vorbei. Kleine, drollig-melancholische Geschichten, in denen jedes Wort sitzt und funkelt.

Das beginnt mit „By the window in me / I climbed up to be /astounded“ – und auch die Hörerin ist verblüfft über das hübsche Bild –, das endet mit einer schlichten Frage danach, was einen mit 10, 12 oder 25 geformt haben könnte, mit der Feststellung, dass manche Erinnerung an eigenes Tun wehtut, „but that’s alright“.

Dieses Album aber ist mehr als nur in Ordnung, es macht den Kopf frei und hebt die Laune, es trotzt aller Reizüberflutung und richtet den Blick aufs Alltägliche, wo die Bohnen im Topf kochen („Rang tang ring toon“) oder die Sprecherin sich coole Unterwäsche wünscht („Underwear“), dazu Mamas T-Shirt – „I’ll make it work“ – und Papas Bluejeans. „I’ll grow into them“, versichert sie, aber die drei von Mountain Man müssen nirgendwo mehr hineinwachsen. Es genügt schon, wenn sie für ihr nächstes Album nicht wieder acht Jahre brauchen.

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