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Michael Wollny Zarte Finesse, koboldhafter Furor

Gegen den fabelhaften Michael Wollny & Friends kann es in Wiesbaden keine Einwände geben.

Die dreigliedrige Reihe Fokus Jazz beim Rheingau Musik Festival gilt in diesem Jahr dem Pianisten Michael Wollny, der sich zu einem der wenigen hiesigen Jazzstars mit internationaler Beachtung entwickelt hat. Für das zweite, unter dem Vorzeichen „... & Friends“ annoncierte Konzert im Wiesbadener Kurhaus hatte er sich eine Spitzenbesetzung mit den als Duo eingeführten Franzosen Émile Parisien (Sopransaxofon) und Vincent Peirani (Knopfakkordeon) sowie dem vor allem durch seine Band Hildegard lernt fliegen bekannten Schweizer Vokalartisten Andreas Schaerer eingeladen.

Es gibt an diesem Abend ein diskretes Kontinuum von Bezügen zum musikalischen Impressionismus auf der einen und zur volksmusikalischen Tradition Frankreichs auf der anderen Seite, in einer Vielzahl von Ausprägungen. Es ist eine Position gleichsam „über den Stilen“, auf der sich die Charaktere begegnen. Eine gemeinsame Grundlage ist den – in diversen Kombinationen vom Duo bis zur vollen Stärke auftretenden – Musikern der mittleren Generation eine ausgeprägt europäische Jazzauffassung. Diese hatte sich in den 60er Jahren herausgebildet, als man den Impuls aufnahm, der vom Aufbruch in die musikalische Freiheit in Amerika kam. Eine Art Verbeugung gilt nicht zufällig Joachim Kühn mit seinem den frischen Geist der freien Spielweise verkörpernden Stück „Missing a Page“.

Wollny steht in dem kongenialen Miteinander vor allem für den impressionistischen Teil, vielfach ist ihm darin der klangsensible Vincent Peirani mit seiner zarten Finesse am Akkordeon das Pendant. Émile Parisiens immens expressiver, mitunter gar koboldhafter Furor auf dem Sopransaxofon markiert das andere Ende. Dazwischen steht Andreas Schaerer mit seinen exzentrisch-kapriziösen Vokalimprovisationen auf der Grenze zum pointiert perkussionistischen Geräuschemacher über eine mitunter sakrale Anmutung in den Höhen, bis er sich schließlich in der Zugabe als amüsant-famoser „Posaunist“ in ernstlicher improvisatorischer Reibung mit Parisien befindet. Wie alle anderen ist auch Schaerer darauf bedacht, das Spektrum seines „Instruments“ zu erweitern.

Schon auf dem vor etwas mehr als einem Jahr live eingespielten Album „Out of Land“ wirkt das Musizieren dieser „Supergroup“ so durchkomponiert – mit Beiträgen von allen Seiten – wie zugleich frei in der improvisatorischen Klangrede. Da ist ein gewisser Beigeschmack von Feinkostjazz. Letztlich aber kann es keine Einwände geben, wenn sich das Ergebnis auf einer derartigen Höhe abspielt.

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