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Marius Müller-Westernhagen Wild, wild Westernhagen

Der Deutschrocker Marius Müller-Westernhagen gibt sich in Frankfurt doch wieder die Ehre.

Marius Müller-Westernhagen
Er gebietet über Stimmungen. Foto: joergsteinmetz.virgin-records

Er wusste, dass er in Frankfurt noch eine Rechnung offen hatte. Oder soll man besser sagen: seine Frankfurter Fans mit ihm? „In Frankfurt trete ich nicht mehr auf, bevor die nicht eine Halle bauen, die man auch beschallen kann“, sagte Marius Müller-Westernhagen Anfang 2015. Seine hiesigen Fans könnten ja auch nach Mannheim kommen, wenn sie ihn live erleben wollten...

Am Mittwochabend saß der Grandseigneur der deutschen Rocksängerszene dann doch wieder in der Festhalle, so, wie man ihn kennt, mit großem Cowboy-Hut und Gitarre auf einem einfachen Drehstuhl, hinter ihm seine 14-köpfige Band, und gab sich trotz der bösen Worte von anno dazumal doch die Ehre für ein Konzert seiner MTV unplugged Tour. Ohne elektronische Verstärkung also, auch ohne großen Showeffekte bestritt Westernhagen eine musikalische Zeitreise durch seine größten Hits der vergangenen Jahrzehnte – und trumpfte mit nichts weiter auf als seiner gestählten Reibeisenstimme. Mehr Zutaten braucht ein gestandener Rocker à la Westernhagen auch nicht, um für einen mitreißenden Abend zu sorgen.

„Für ’ne bess’re Welt“ war sein stimmungsvoller Auftaktsong, die Übertragung auf den Leinwänden dazu passend in schwarz-weiß. Das Licht gedimmt, ein Hauch von verklärter Wild-West-Wehmut wehte durch die vollbesetzte Halle, aufgeheizt durch die von Liedzeile zu Liedzeile crescendierende Stimme des 69-jährigen Altrockers.

Müller-Westernhagen erklärt seine Beweggründe 

Der gab dem Wild-West-Idyll noch zu Beginn einen ganz anderen Dreh, indem er eine Liedzeile umtextete: „Lass uns Trump fortjagen für ’ne bess’re Welt“. Nicht die einzige Spitze gegen den US-Präsidenten, nannte ihn Westernhagen zehn Songs später doch einen „Clown in Amerika“, der ihn an Mussolini erinnere. Dem Publikum gefiel’s, es klatschte tosenden Beifall, darauf Westernhagens Kommentar: „Wenn ich mir euch so anschaue, dann wird der Populismus nicht obsiegen.“ Trotzdem schwörte er seine Fans, darunter auch viele junge Menschen, noch einmal mit Nachdruck auf den Wert der Demokratie ein: „Wir müssen die Macht ausüben, bevor sie uns aus den Händen gerissen wird.“ Ein Rocker und Idealist wie Westernhagen kann sich solche Plattitüden leisten, die Fans jedenfalls quittieren sie mit donnerndem Applaus.

In diesen aktuellen Kontext stellte er dann auch den darauf folgenden Song, „Liebe um der Freiheit willen“, den er, wie er sagte, unter dem Eindruck der Arabischen Revolution geschrieben habe. Heute habe der Song, der in der Forderung nach Demokratie und Freiheit für Medien, Kunst, Lesben, Schwule und Kinder gipfelt, freilich aber einen ganz neuen Deutungsrahmen bekommen. Es war vielleicht sein stärkster Auftritt des Abends, der inhaltlich dichteste Moment, dramaturgisch passend zur Konzertmitte.

Zu dem Zeitpunkt haben ihm seine Fans längst verziehen, dass der Rocker ihnen 2015 noch eine Fahrt vom Main an den Rhein zumuten wollte, um ihn live zu erleben. Ja, da war ja noch was, Herr Müller-Westernhagen. „Ich bin euch noch ’ne Erklärung schuldig“, sagte er nach dem sechsten Song („Wir haben die Schnauze voll“). Im Anschluss an seine Erdreistung habe man ihm erklärt, „dass die Frankfurter nicht unbedingt nach Mannheim wollen“. Darauf habe er mit seinem Ton-Ingenieur gesprochen, der ihm eine gute Akustik versprochen hatte. „Wenn das nicht der Fall sein sollte, ist das nicht meine Schuld.“

Der Abend brauchte keinen Schuldigen für Miserabilitäten, auf der Bühne und dahinter nicht, schon gar nicht im Publikum. Ab dem dritten Lied, „Ladykiller“, hatte nicht nur Westernhagen Mühe, auf seinem Drehstuhl sitzen zu bleiben, auch das Publikum hielt nichts mehr auf den Plätzen. „Der Wahnsinn“, so der Sänger zu der Euphorie der rund 5000 Besucher, und betonte: „Es ist kein Gesetz, dass ihr sitzt. Natürlich könnt ihr aufstehen, natürlich könnt ihr tanzen – und auch mehr...“

Zu mehr als tanzen, singen, applaudieren, zuweilen auch romantisch Feuerzeuge in die Luft halten kam es dann aber doch nicht – zumindest nicht in den gut zwei Stunden, in denen Westernhagen zur Freude seiner Fans doch wieder in der Festhalle spielte.

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