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Lucerne Festival Das Wasser, der Regen, die Linde

Jörg Widmann und Kaija Saariaho beim Lucerne Festival: Für Saariahos audio-visuellen Installationen ist ein mystischer Ton typisch, Widmanns Ausrucksmusik bildet einen klaren Gegensatz dazu. Das Motto heißt "Natur".

31.08.2009 00:08
Kirsten Liese

Eine abstrakte Landschaft, ein darin schwebendes menschliches Gesicht, Meeresrauschen, Wind und altprovenzalische Gesänge über eine Liebe aus der Ferne: Kaija Saariahos Klanginstallation "Lonh" - Aus der Ferne" für Sopran und Live-Elektronik mit digitalisierten Video-Sequenzen des französischen Multimediakünstlers Jean-Baptiste Barrière wirkt wie ein Prolog zu ihrer Oper "L´amour de loin" und zugleich wie zugeschnitten auf ein Musikfestival, bei dem sich alles um die Natur dreht.

Zwar mag das Motto etwas beliebig erscheinen, weil sich von Händels "Israel in Egypt" über Haydns "Jahreszeiten", und Strauss´ Alpensinfonie bis hin zu den Sinfonien Mahlers nahezu alle Meilensteine der klassisch-romantischen Literatur subsumieren lassen. Doch gibt es wohl nicht viele Festivalorte, die so geeignet dafür wären wie Luzern mit seinem am Wasser gelegenen Kultur- und Kongresszentrum.

Hommage an Simone Weil

Nun ist Saariaho, aufgewachsen in den Weiten Finnlands, ein ausgesprochener Naturmensch und auch deshalb dankbar über die Einladung als Composer in residence in dieser Idylle. Schon seit Jahren arbeitet sie mit Barrière, der selbst auch komponiert, zusammen. Ihre audio-visuellen Gemeinschaftswerke zählen zum Schönsten, was das Festival zu bieten hat.

Die ineinander fließenden, assoziationsreichen Bilder folgen dem Rhythmus der Musik und vermeiden bei aller Komplexität eine Überfülle an Sinneseindrücken. Von großem Reiz ist der Gegensatz von Natur und Künstlichkeit, die Spannung zwischen realen und am Computer erzeugten Bildern und Klängen.

Ihre audio-visuellen Installationen sind nur ein kleiner Ausschnitt des umfangreichen Oeuvres, das Luzern in seiner Vielfalt präsentiert. Typisch für Saariaho ist ein mystischer Ton, wie er das Orchesterstück "Lumíère et Pesanteur" bestimmt, das auf ihr Oratorium "La Passion de Simone" zurückgeht, eine Hommage an die Philosophin Simone Weil, die 1942 aus Solidarität mit den Holocaustopfern in den Konzentrationslagern die Nahrung verweigerte.

Bei der Schweizer Erstaufführung unter Esa-Pekka Salonen mit dem Philharmonia Orchestra wirkte das wie eine Klangfarbenstudie mit vielen statischen, schwebenden Tönen.

Saariaho schrieb 1992 auch das komplexe, höchst aggressive Cellokonzert "Amers", das mit einem Mikrofon, das alle vier Saiten einzeln abnehmen kann, einen hohen intellektuellen Anspruch stellt, der sich dem Hörer jedoch kaum vermittelt.

Einen klaren Gegensatz dazu bildet Jörg Widmanns Ausdrucksmusik mit Bezug zur Tradition. Widmann ist der zweite Composer in residence in Luzern, wo er auch als Dirigent und Klarinettist hervortritt. Es ist vor allem der "hochneurotische Gestus" der Schumannschen Musik mit ihren "spukhaft gezackten Wellentälern und Wellenbergen", die ihn fasziniert, dem er sich am stärksten in seiner "Fieberphantasie" für Klavier, Streichquartett und Klarinette (1999) angenähert hat. Ein Stück, das das erstklassige Collegium Novum Zürich beim Eröffnungskonzert der Luzerner "Moderne" mit ungestümer, hysterischer Leidenschaft darbot, mit grellen Flageoletts dicht an der Schmerzgrenze, mit kollabierenden Kaskaden und sich gegenseitig hoch peitschenden, rabiaten "Col legno"-Schlägen der Streicher. In einem kurzen Moment erklingt sogar ein Zitat Schumanns, und doch besteht trotz solcher Rückgriffe auf tonale Elemente nie die Gefahr eines Abdriftens ins Epigonale - gelingt doch stets eine Synthese von Tradition und eigenwilligem Personalstil.

Schwerelose Kopftöne

Mit seiner Affinität zur Gefühlsemphase der Romantik ist auch Widmann ein Naturmensch, was sich etwa in seiner Vorliebe für das Horn zeigt. Er hat aber auch Miniaturen geschrieben, die sich dem Kontrast zwischen Schönheit der Natur und ihren Gefährdungen widmen: "Sieben Abgesänge auf eine tote Linde" für Sopran, Violine, Klarinette und Klavier nach Gedichten von Diana Kempff, geschrieben kurz nachdem in einer Jahrhunderte alten Linde während eines Konzerts des Münchner Kammerorchesters ein Blitz einschlug. Das Spektrum reicht von poetischen, lautmalerischen Regenimpressionen bis zu dissonanzreichen Gebilden, die stilistisch an die Nachkriegsavantgarde erinnern. In der ukrainischen Sopranistin Olga Pasichnyk hat Widmann eine ideale Interpretin, die mit ihren strahlenden, schwerelosen Kopftönen aufhorchen lässt und ihren technisch anspruchsvollen Part mit diffizilsten Sprüngen und Emphase meistert.

Nach dem letzten Ton ist es lange still: Auch die Neue Musik hat in Luzern ein Publikum gefunden, dessen Interesse sich nicht ausschließlich über Stars wie Claudio Abbado definiert. Auch wenn Abbados Mahler-Interpretationen mit dem Lucerne Festival Orchestra unübertroffen sind. Denn Michael Haefliger, Intendant des Festivals, plant den Bau eines flexibel gestaltbaren Raums mit beweglicher Bühne nach Entwürfen von Pierre Boulez. Der Saal soll dazu dienen, künftig auch das Musiktheater stärker im Festival zu verankern.

Das Lucerne Festival dauert noch bis 19. September www.lucernefestival.ch

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