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Louis Sclavis Wirklich weltläufig

Der französische Klarinettist Louis Sclavis mit seinem Quartett in der Alten Oper.

Louis Sclavis
Louis Sclavis mit seinem Quartett in der Alten Oper. Foto: Achim Reissner

Diese Musik hat keinen erkennbaren Ort. Man weiß nicht genau, wo sie herkommt, wo ihr Ursprung liegt. Im Süden Europas? Im Norden Afrikas? Überhaupt im Westen? Oder doch ganz woanders?

Wenn Musik versucht, die ganze Welt zu ihrem Zuhause zu erklären, spürt man doch allzuoft den kolonialen Blick auf die vermeintlichen Peripherien, egal ob er nun von den USA ausgeht oder von Europa. Bei Louis Sclavis ist das anders. Der französische Klarinettist, einer der besten weit und breit, schafft seit vielen, vielen Jahren eine geradezu nomadische Musik von beeindruckender, weil vollkommen selbstständig anmutender Weltläufigkeit.

„Silk and Salt Melodies“ heißt das Programm, mit dem Sclavis im Mozart Saal der Alten Oper Frankfurt gastiert. Es sind also alte Geschichten, die da verhandelt werden, auf mediterranen Spuren, an den Rändern und Zwischenräumen von östlicher und westlicher Kultur.

Sclavis war dieses Absuchen von alten und abgelegenen Musiken schon immer wichtig, viel wichtiger wenigstens, als dem Jazz amerikanischer Prägung ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Mitte der siebziger Jahre schon schloss sich der inzwischen 64-Jährige in Lyon einem Musikerkollektiv an, das den wunderbaren Namen Association à la Recherche d’un Folklore Imaginaire trug.

Dabei gelingt ihm und seinem Quartett in der Alten Oper nicht alles, gerade zu Beginn. „L’homme sud“, das Eröffnungsstück, wirkt sowohl in Klang als auch Struktur unscharf, im improvisierten Zusammenspiel von Gitarre (Gilles Coronado) und Keyboard (Benjamin Moussay) dazu noch seltsam matt und altbacken. Subkutan wird die Musik aber auch da schon vom Percussionisten Keyvan Chemirani getragen, der auf alten persischen Instrumenten nach Klarheit und Wärme zugleich sucht. Ohnehin, und das wird in den nächsten, pausenlosen 90 Minuten immer klarer, ist überwältigend, wie viel die Musik des Louis Sclavis Quartet auf einmal ist, wie viele verschiedene Gesichter und Farben, Intensitäten und Aggregatzustände sie hat – ohne ihre Identität zu verlieren.

„Sel et soie“ etwa ist eine lange, an- und abschwellende Erzählung eines Weltreisenden, in großen Bögen gedacht und von einem unerschöpflichen musikalischen Wissen getragen. „L’autre rive“ wiederum beginnt als schlichter und tief in die Romantik zurückweisender Liedgesang, der plötzlich umbricht in einen verschleppten, genauso waghalsigen wie kaputten Tanz.

Wie in den Filmen Aki Kaurismäkis wird hier im Beschädigten eine Schönheit gerettet, die man, das weiß Sclavis sehr genau, nicht mehr ungebrochen formulieren kann, ohne im Kitsch zu enden.

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