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Let’s Eat Grandma Und das Saxophon räumt auf

So klingt Popmusik, für die Genregrenzen hinweggeschwemmt wurde: Let’s Eat Grandma mit dem zweiten Album „I’m All Ears“.

Let’s Eat Grandma – das sind die Kindheitsfreundinnen Rosa Walton und Jenny Hollingworth – hatten vor zwei Jahren ihr erstes Album „I, Gemini“ veröffentlicht, damals waren sie siebzehn und sie scherten sich bewundernswert wenig um die Konventionen. Weirdo Pop nannte das irgendwer. In einem Video liefen zwei Mädchen mit langen Haaren in weißen Kleidern durchs Bild, untergründige Linien liefen zur „The Shining“-Verfilmung von Stanley Kubrick und den Zwillingen. Liveauftritte waren viel bunter und fröhlicher, die kaltschnäuzige Haltung blieb: Zum Beispiel im großartigen „Eat Shiitake Mushrooms“, wo sie irgendwann zu ihrem weggeschossenen Eso-Pop sogar rappten – und es funktionierte.

Nun lieferte „Hot Pink“ erste Eindrücke, und da hatten sich Dinge geändert: Vor allem klatschten die Synthesizer ganz schön brutal. Schottin Sophie ist nun einer der Co-Produzenten bei wenigen Songs. Der Stil ist meist ein knallender Zuckerschock, Basslinien aus dem Eurodance treffen auf ein halbironisches „Kauft-kauft-kauft“. In dessen größtem Hit „Bipp“, der wie Snap! ohne Deppenrap klingt, singt eine kindliche Stimme: „I can make you feel better / If you let me / However you are feeling / I can make you feel better / Whatever you’re thinking / I can make it all clearer.“

Wie „I’m All Ears“ klingt Popmusik, für die Genre- und Epochengrenzen von der demokratischen Möglichkeit von Spotify weggeschwemmt wurden. Alles ist verfügbar. Damit ist noch nicht gesagt, dass Chancengleichheit bestünde – denn natürlich sind die Möglichkeiten noch immer qua der Verteilung des kulturellen Kapitals sehr unterschiedlich.

Die beiden spielen mehrere Instrumente, sie sagen in Kameras, dass sie gerade den Neue-Musik-Revoluzzer Steve Reich hoch und runter hören. Das ist sicherlich nicht der Normalfall und statistisch gesehen ist das ein Ding der Bürgerkids mit den Möglichkeiten. Ganz abgesehen davon, dass sie den Mut und den Glauben an die Selbstverständlichkeit mitbringen müssen, sich das einfach zu nehmen: das Mikro. Ihre Musik rausbringen, für Millionen nun. Es ist also wie überall. Aber natürlich ist das kein Argument gegen die Güte dieser Musik.

Das wirklich Großartige an dieser Platte ist die Verschränkung aus Produktion und dramatischer Form. Man höre einfach nur wie „Falling Into Me“ pulsiert: Wie der Sound sich auszudehnen scheint.

Es beginnt mit diesem ziemlich cheesigen Keyboard. Dann, darunter, dicke Snares und Toms, räumlich, vor allem mit Kopfhörern. Dann frisst sich ein Bass hinein, noch mehr Hall, klar und hell, ein Klavier, es wird stiller, man kann ein Ende erwarten. Aber da kommen wieder die Sequencer, und dann gar ein Saxophon, zum Aufräumen. So klingt ein brillanter Popsong, tief und tanzbar und eben trotzdem noch mit genug Abzweigungen, um nicht einfach nur weggesnackt zu werden.

Das Drübergehen über die Grenzen, es macht auch „Cool and Collected“ so groß. Ein Song, der sich immer wieder gegen das eigene Ende sträubt, und sei es auch mit psychedelischem Jam. Über neun Minuten, und das eben immer noch in etwas, das auch im engeren Sinne als Pop funktioniert. Hooks, Herzschmerz und immer wieder zu erahnende Klaviermelodien, das ist ja alles da.

Sicherlich funktioniert nicht jeder Song so großartig wie die erwähnten. Vor allem der Flirt mit dem Rock der Siebziger in einigen Songs wirkt neben dem oben erwähnten futuristischen Sound seltsam antiquiert. Aber das ist auch ein Ergebnis der Methode die Let’s Eat Grandma hier anwenden: Hier bleibt in vielen (meist großartigen) Momenten das drin, was sonst gerafft würde oder wegrationalisiert oder für einen anderen Song verbraten.

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