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Leonard Cohen Teerschwarze Samtpfötchen

Leonard Cohen legt ein abschiedsschweres, aber auch himmelszartes Album vor: „You Want It Darker“.

Leonard Cohen, als er 2011 den Prinz-von-Asturien-Preis für Literatur erhielt, quasi den spanischen Nobelpreis. Foto: REUTERS

Ein Abschied? Ein letztes Album? Man muss diese Vermutung nicht von sehr weit herholen, da doch Leonard Cohen nun 82 Jahre alt ist und gleich im Titel-Song versichert: „I’m ready, my Lord“, ich bin bereit, Herr. Auch dankt er im Booklet seinem Sohn Adam für liebevolle Ermutigung, musikalische Betreuung, einen Spezialstuhl sogar, denn Cohen litt (oder leidet noch) unter schweren Rückenschmerzen. Doch hat er andererseits dem Magazin „The New Yorker“ kürzlich erst gesagt, er sei ein ordnungsliebender Mensch („I’m a tidy kind of guy“) – und es gebe noch Lieder fertigzustellen, Gedichte herauszugeben, lose Enden zu verbinden. Wer weiß also.

Ein Abschiedsalbum aber ist „You Want It Darker“ so oder so: Eine Flamme wird gelöscht, ein Sprecher verlässt den Tisch, sagt „au revoir“, ist „out of the game“, raus aus dem Spiel des Lebens. Zwar wird niemand je Leonard Cohen für einen Sänger froher Lieder gehalten haben. Doch hier ist schon der Titel eine Ansage: Du möchtest es dunkler haben – bitte sehr.

Teerschwarz ist Cohens Raucherstimme mittlerweile, sein Sprechgesang tiefer als ein durchschnittlicher Bass. Diese Stimme beherrscht das Album, und die Musik legt sich ihr melodisch-wehmütig zu Füßen, dient ihr mit Demut und Dezenz. Das Seufzen und Wehen, das Schmelzen und leise Wimmern von Geige, Cello, Mandoline, Celesta, Pedal-Steel-Gitarre umschmeichelt das Keller-Brummeln. Der Schlagzeug-Besen raschelt leise den Rhythmus. Background-Sänger und -Summer, darunter auch ein Synagogen-Chor, tragen Cohens Texte gleichsam auf Händen.

Kein Instrument drängt in den Vordergrund, keine Tonfolge hat es eilig. Himmelsklänge und Samtpfötchen für Mr. Cohen. Sohn Adam zeichnet als Produzent von „You Want It Darker“, Keyboarder Pat Leonard hat zu einigen der acht Songs (plus eine Reprise) die Musik geschrieben, beide taten alles, den typischen, melancholisch-süßen Cohen-Sound zu bewahren.

Acht Lieder, eine gute halbe Stunde, die gewichtig ist und voll von Symbolik, christlichen und jüdischen Motiven, Sehnsucht nach Transzendenz, aber auch manchem bösen Witz.

Mit Abrahams „Hineni“, Hebräisch für „Hier bin ich“, meldet sich der Sänger-Sprecher zur Stelle (in „You Want It Darker“). Es ist für ihn sogar zu spät, noch die andere Wange hinhalten zu wollen („It Seemed the Better Way“). Es ist für ihn sogar zu spät, einen anderen Menschen zu begehren: „the wretched beast is tame“. Cohen, der Ladies’ Man, mag nicht immer autobiografisch sprechen auf diesem Album; aber es ist schwer, sich dem Eindruck zu entziehen. Denn es spricht ein alter Mensch, dem die Zeit durch die Finger rinnt, „year by year / month by month / day by day / thought by thought“. Leonard Cohen, der lebenslang Suchende, der Drogen, Katholizismus wie auch Buddhismus Ausprobierende, macht sich vielleicht auch über sich selbst lustig, wenn er nun von der Schlange singt, die verwirrt war von ihrer Sünde und sich darum häutete, um „die innere Schlange zu finden“.

Nachdem Cohen von seiner Managerin gründlich um sein Geld gebracht worden war, gab er zwischen 2008 und 2013, also mit über 70, noch fast 400 Konzerte. Den Grund, der ihn auf die Bühnen dieser Welt trieb, machte er dabei vergessen. Stets gab er sein Bestes, und das stundenlang. Sein lässiges Charisma ist auch heute noch beträchtlich, allerdings soll es auch seine Pedanterie sein. David Remnick erzählt jetzt im „New Yorker“ die Geschichte, wie Bob Dylan Cohen gefragt haben soll, wie lange er an „Hallelujah“ gearbeitet habe. „Zwei Jahre“, habe Cohen geflunkert – es seien fünf gewesen.

Der Literaturnobelpreis für Dylan ist ein guter Anlass, über diesen anderen großen Lied-Poeten nachzudenken, der bereits Roman und Gedichtband veröffentlicht hatte, ehe er überhaupt als Musiker in Erscheinung trat. Seine (finanzielle) Erfolglosigkeit als Schriftsteller soll Cohen überhaupt erst auf die Idee gebracht haben, Songs zu schreiben. Und all die Jahre blieb seine Bekanntheit weit hinter der Dylans zurück, obwohl eine seiner berühmtesten, in jedem Konzert bejubelten Zeilen nicht bloß ein selbstironischer Scherz ist (das freilich auch): „I was born with the gift of a golden voice“.

Es ist inzwischen eine fast hypnotische Stimme und es sind immer noch düster-prächtige Lieder, die „You Want It Darker“ zu einem hundertprozentigen Cohen-Album machen. Und durchaus ist nicht nur von Schmerz, Abschied, Tod die Rede, immer noch ist auch von Liebe die Rede und von der Dankbarkeit, sie erfahren zu haben. Zwei andere Cohen-Zeilen passen auch hier: „There is a crack in everything / That’s how the light gets in“. Immer noch bricht manchmal Licht durch.

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