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Lena Meyer-Landrut Experiment mit ungewissem Ausgang

Vor drei Jahren gewann Lena Meyer-Landrut den Eurovision Song Contest und wurde als „Mädchen der Nation“ gefeiert. Man fand sie erfrischend. Dann schlug die Stimmung um, und sie verschwand. Jetzt versucht sie es noch einmal.

29.03.2013 17:45
Von Rudolf Novotny
Beim Echo gab es neulich einen Preis für das beste Video. Bei der Siegerehrung musste Lena weinen. Gesungen hat sie auch. Und geschaukelt. Foto: dpa

Sie greift nach ihrem Kostüm. Hot Pants, Jäckchen und Pumps. Lena Meyer-Landrut muss sich umziehen. Ein paar Türen weiter liegt das TV-Studio, in dem sie auftreten, Lieder aus ihrem neuen Album präsentieren soll. Lena Meyer-Landrut hält die Einzelteile des Kostüms in den Händen, sie steht in ihrer Künstlerkabine, ein Kabuff mit Schminkspiegel und Couch. Und einem Journalisten. Vielleicht ist es besser, wenn man kurz vor die Tür geht? Sie lächelt, winkt ab. „Quatsch. Dreh dich einfach um.“ – Wirklich? – „Natürlich.“

Man dreht sich um, schaut aus dem Fenster, in einen Tag, der eingequetscht ist irgendwo zwischen Frühling und Winter. Draußen stehen Wellblechhallen, an denen Schilder mit den Namen jener Sendungen befestigt sind, die dort produziert werden. In Halle sechs „Stern TV“, in Halle sieben „Wer wird Millionär?“. Man wird diesen Tag komplett hier verbringen, in Köln-Hürth, bei der Aufzeichnung einer RTL-Show, mit Lena Meyer-Landrut. Eine schmale junge Frau mit großen Augen, langen braunen Haaren und einem Lächeln mit Grübchen. Sie hat sich nicht sehr verändert seit Beginn ihrer Karriere. Nur die Zerbrechlichkeit hat sie sich abtrainiert.

Der Kabuff liegt in Halle acht, im zweiten Stock. Der Geruch künstlicher Vanille hängt im Raum und auch einige Fragen. Zum Beispiel, ob es von Distanzlosigkeit oder von Ungezwungenheit zeugt, wenn sich ein Star in Gegenwart eines Journalisten auszieht. Ob diese Situation unprofessionell ist oder souverän. Ob hier also gerade das Bild, das die Öffentlichkeit von Lena Meyer-Landrut hat, bestätigt wird oder widerlegt.

Widerlegen wäre für sie nicht das Schlechteste. Denn das Bild ist schon lange nicht mehr gut. Was bei der Siegerin einer Casting-Show nicht erstaunlich wäre. Würde es sich nicht um jene Sängerin handeln, die schon nach ihrem ersten TV-Auftritt in „Unser Star für Oslo“ (USFO) als „authentisch“ gefeiert wurde und „erfrischend“. Deren Eurovision-Triumph das gesamte Land in einen Rausch versetzte. Die bei ihrer Rückkehr aus Oslo von Tausenden von Fans am Flughafen begrüßt wurde. Sogar Angela Merkel schickte damals Glückwünsche, und in den Zeitungen stand, dass diese 19-jährige Abiturientin das neue Deutschland verkörpere. „Mädchen der Nation“ wurde sie genannt, „Fräuleinwunder“ und „Lena Nazionale“.

Das Land liebte Lena Meyer-Landrut, es wollte ihr nah sein. Und Lena Meyer-Landrut erfüllte diesen Wunsch. Mit Grimassen und Glückstränen, Sprüchen wie „Verdammte Axt!“ und mit ihrem Künstlernamen: Lena. Ihr eigener Vorname, die Einladung zum Du. Die Einladung zur Nähe.

Miese Quoten, halbleere Hallen

Drei Jahre ist das her, eine halbe Ewigkeit. Schon kurz nach dem Sieg in Oslo hatte der Sänger und USFO-Juror Marius Müller Westernhagen über Lena Meyer-Landrut gesagt: „Ihre größte Qualität war: Sie war sie selbst.“ Diese Qualität müsse bewahrt und weiterentwickelt werden. Doch Lenas Förderer Stefan Raab wollte mehr: die Titelverteidigung, Fernsehshows, in denen Lena Lieder singt, von denen eines als Eurovision-Song gewählt wird, eine Tournee durch die größten Hallen der Republik. Die Quoten der Shows waren mies, die Hallen halbleer, und die Titelverteidigung endete mit Platz zehn. „Aufhören“, rief ein Zuschauer bei der Echo-Preisverleihung 2011, als die Sängerin auf der Bühne um Worte rang. „Droht dem Fräuleinwunder der Karriereknick?“, fragte die Illustrierte Stern. Was einst begeisterte, war nun eine nervige Wiederholung des immer Gleichen. Ihre Hampeleien, ihre Freudenausbrüche, ihre Sprüche – das Publikum wendete sich ab. Und Lena Meyer-Landrut reagierte dünnhäutig. Belehrte den Moderator Frank Elstner vor laufenden Kameras in der ARD, beschimpfte den Rapper Casper während einer Arte-Sendung und verschwand irgendwann fast ganz aus der Öffentlichkeit. Ein paar Schlagzeilen gab es noch: Lena lebt in Köln. Lena hat einen Freund.

Je größer die Nähe in einer Beziehung, desto schmerzhafter ihr Entzug. Die meisten Künstler legen sich ein Image zu. Wenn das vom Publikum abgelehnt wird, hat ein Produkt nicht funktioniert. Lena Meyer-Landrut war sie selbst. Das Publikum lehnte einen Menschen ab. Weil es genug von Lena hatte. Erfrischende Natürlichkeit? Ungezogene Distanzlosigkeit!

Ist es da klug, wenn man sich vor einem Journalisten auszieht?

Die Antwort gibt es eine Woche später. Statt in einem Kölner Kabuff sitzt Lena Meyer-Landrut im Zimmer ihrer Plattenfirma in Berlin. Ziemlich weit oben, Blick über die Spree. Hinter ihr am Tisch tippt Steffi, ihre Managerin, auf einem Laptop herum. Lena trägt eine Schlumpfmütze, einen Wollpulli und eine Hose, die sehr gemütlich aussieht. Sie sagt: „Da geht es um Sympathie, um Vertrauen. Wenn mir jemand unsympathisch ist, reiße ich mich zusammen. Aber wenn wir uns nett finden, ist es ein Geben und Nehmen.“ Dann bekommt man die unverstellte Lena.

Gibt es Grenzen? „Ich würde niemals einen Journalisten zu mir nach Hause einladen. Ich würde niemals zu einem Interview meine Mutter oder meinen Freund mitbringen.“ Drei bis vier echte Freundinnen habe sie, mehr nicht. Musste sie lernen, wem sie vertrauen kann? „Klar. Ich hatte doch keine Ahnung von dem Geschäft. Ich habe immer nur gegeben. Weißt du, wie ich früher war?“ Sie richtet sich im Stuhl auf, faltet die Hände, blinzelt mit den Wimpern und flötet: „Ja, ja, ja, und bla, bla, bla, und alle sind toll, und alles ist nett.“

Früher, das war die Zeit, in der eine Handvoll Betreuerinnen um sie herumwuselte. Der Öffentlichkeit gab sie ihre Gefühle, dem Management die Karriereplanung. Es gibt Stars, die ihre ganze Karriere auf diese Art verbringen, vor allem, wenn sie sehr jung zu Ruhm kommen. Es ist ein Leben in bequemer Abhängigkeit – und es endet häufig im Dschungelcamp oder mit Fotostrecken in Herrenmagazinen.

Dass es bei Lena Meyer-Landrut anders laufen soll, lässt sich in Köln-Hürth erahnen, kurz nachdem man sich umgedreht hat. Auf zwei Sesseln sitzen Steffi und eine Frau von der Plattenfirma. Sonst niemand. Lena Meyer-Landrut wird geschminkt. Es muss schnell gehen. Die Maskenbildnerin ist nicht lange genug gebucht. Lena schaut auf ihr iPhone, fragt ohne aufzublicken: „Wer hat das organisiert?“ – „Eine Vertretung“, sagt die Frau von der Plattenfirma. „Das ist blöd!“ Schweigen. Steffi räuspert sich. „Lenchen, den Besuch bei Markus Lanz in Hamburg würde ich in die Zeit legen, wo dort auch Bandprobe ist.“ – „Wann ist das?“ Lena Meyer-Landrut blickt weiter auf ihr Handy. „So im März.“ – „Wann genau?“ – Die Managerin nennt ein Datum. „Wer ist dabei?“ Die Managerin nennt ein paar Namen. Lena nickt, der Termin steht.

Lena mache nichts mehr, was sie nicht will, wird die Frau der Plattenfirma später sagen. Die Kostüme für ihre Auftritte kauft sie selbst. Genauso wie sie bei der Raab-Firma Brainpool durchgesetzt hat, dass die nur knapp zehn Jahre ältere Steffi ihre Managerin wird. Und auch die neue Platte „Stardust“ ist eine Art Alleingang. Das dritte Album ihrer Karriere ist zugleich das erste, das sie ohne die Hilfe ihres Mentors Stefan Raab produzierte. Wenn die nächsten Monate erfolgreich sind, könnte Lena Meyer-Landrut endlich zu dem werden, was sie schon immer sein wollte: zu einer Künstlerin aus eigenem Recht. Wenn nicht, ist die Karriere wohl vorbei. Obwohl sie immer noch so jung ist, gerade einmal 21. Ein Alter, in dem andere ihre Karriere nicht einmal begonnen haben. Bisher sieht es gut aus. Von den Kritikern wurde das Album wohlwollend aufgenommen. Von den Käufern auch: Platz zwei in den Charts mit mehr als 100?000 verkauften Exemplaren. Im April folgt die Tour, in kleineren Hallen. Und beim Echo gab es dieses Jahr einen Preis für das beste Video. Bei der Siegerehrung musste Lena weinen, sie schluchzte: „Das bedeutet mir so viel! Das bedeutet mir so viel!“
In Berlin hat eine Assistentin Lena Meyer-Landrut mittlerweile einen Kaffee gebracht. Und eine Nagelfeile. Sie redet über das Album. „Ich hatte Megaschiss, dass es nicht klappt. Es wäre hart gewesen, noch einmal hochzukommen.“ Leises Raspeln. Ist sie selbst härter geworden? „Mutiger. Früher war ich nicht mutig genug, weil ich die Strukturen nicht kannte.“ Aber ist sie nicht trotzdem für die Öffentlichkeit immer noch „die Lena“. Sie nickt. „Ich habe keine autoritäre Ausstrahlung. Aber ich bin auch kein Hase im Streichelzoo.“ Sie sagt, sie habe gelernt, mit Kritik umzugehen. Das Raspeln verstummt. Sie blickt auf. „Aber wie heftig ist denn das, wenn zu dir Tausende von Leuten sagen: Ich liebe dich. Was ist das für eine Emotion?“ Stille. „Ich bin froh, dass ich da nicht völlig durchgedreht bin.“ Wie ist ihr das gelungen? „Einfach nicht alles so ernst nehmen, nicht so an sich ranlassen. Oder so tun, als wäre das jemand anderes.“

Wenn man die Fernsehbilder anschaut vom Empfang am Flughafen Hannover, die Menschenmassen, die Deutschlandfahnen, ahnt man, wie sehr Lena Meyer-Landrut kämpfen musste, um bei sich zu bleiben. Alternativ kann man aber auch mit ihr aus dem Kabuff in Halle acht treten und zum TV-Studio laufen. Den Gang runter, der genauso zweckmäßig aussieht wie das Treppenhaus, wie die Türen, auf denen Gästenamen stehen, die wohl nur RTL-Zuschauern etwas sagen. Kurz vor dem Studio nähern sich Schritte von hinten. Plötzlich steht ein Mann neben ihr. Braun gebrannt, blondiert, in Stiefeln und Tarnhose. Aus seinem aufgeknöpften Hemd quillt Brusthaar. Der Moderator. Er lacht. „Hey, Lena!“ Lena Meyer-Landrut schaut ihn an. Der Moderator legt seinen Arm um ihre Schultern. Er grinst. „Na, wie geht’s?“ – „Gut.“ Sie schaut ihn an. „Du hast da aber ein gewagtes Dekolleté.“ Das Grinsen verrutscht. Für den Bruchteil einer Sekunde. Dann beginnt der Moderator zu lachen. „Okay, ich muss mich fertig machen. Bis später, Süße!“ Er verschwindet. Lena Meyer-Landrut dreht sich zu ihrer Managerin um. „Habe ich den schon mal getroffen?“ Steffi schüttelt den Kopf.

Bedeckt mit Sternenstaub

Die Bühne liegt hinter einem Vorhang. Durch einen Spalt kann man die Begleitband mit ihren Instrumenten sehen und die Techniker mit ihren Knöpfen im Ohr. Schemenhafte Gestalten, abgeschirmt von Publikum und Gästecouch durch eine bewegliche Wand. Stimmengemurmel. Lena wartet, Steffi geht weiter, hinter dem Vorhang entlang, Kabelsträngen folgend, bis zu einem Tisch mit zwei Monitoren. Auf beiden läuft die Sendung. Gezeigt wird das Video zum Lena-Song „Stardust“, kommentiert von Gestalten aus dem Privatfernseh-Kosmos. Den „Atzen“ zum Beispiel: „Lena ist eine Superfrau. Die macht echt was her.“ Oder dem Model Eva Padberg: „Sie ist so eine schöne junge Frau!“ Dann taucht das Gesicht des Moderators auf. Er ruft: „Ich bin auch schon ganz wuschig – Lena!“

Lichter flackern, der Bass setzt ein, Scheinwerfer richten sich auf eine junge Frau in Hot Pants, Jäckchen und Pumps. Lena singt: „So no one can catch us / nothing can change this / covered in stardust / invincible“ – „Niemand kann uns fangen / niemand kann das hier ändern / bedeckt mit Sternenstaub / unbesiegbar“. Ihr Körper bewegt sich im Takt, sie strahlt in die Kamera. Sie leuchtet. Überstrahlt die Wellblechbauten, den braun gebrannten Moderator, den ganzen Irrsinn. Hinter der Bühne blickt Steffi auf den Bildschirm. Sie lächelt, ihre Lippen bewegen sich. Sie singt lautlos mit, bis das Lied fertig ist und Lena sich auf die Couch setzt. Der Moderator erzählt, dass Lena Hunde liebe. Lena erzählt, dass ihre Mutter ihr Hunde verboten habe. „Aber jetzt kann ich ja machen, was ich will!“ Sie schneidet eine Grimasse. Das Publikum lacht. Für einen Augenblick ist alles wieder wie ganz am Anfang.

Vielleicht schafft sie es, die Balance zu finden zwischen Nähe und Distanz. Weil sie jetzt auf der Bühne jemand anderes ist, ein Lena-Produkt. Dieses Produkt ist authentisch, weil sie es dieses Mal mit entworfen hat. Sie geht ihren Weg, sie geht ihn langsam, mit denselben Tippelschritten, mit denen sie auch zur Musikerin wird.

Ihr Lieblingsbuch sei „Sophies Welt“, erzählt sie in Berlin. „Fantastisch und trotzdem real, genau wie mein Leben.“ Eine philosophische Handreichung, die einem zeige, wie man als Mensch sein soll. „Immer nach dem suchen, was einen am glücklichsten macht. Egal, was die Gesellschaft oder irgendein Idealbild verlangen.“ Und was für ein Mensch ist die echte Lena Meyer-Landrut? „Schwierig.“ Sie legt die Stirn in Falten, denkt nach. Dann sagt sie: „Neulich, im Urlaub, meinten meine Freunde, dass ich als Tier eine Giraffe wäre. Weil ich in meiner Freizeit und zu Hause wie in einer Blase bin, in einer anderen Galaxie. Ich krieg nichts mit von dem, was um mich herum los ist.“ Gar nichts? Sie nickt. Ist das ein angenehmes Gefühl? Lena Meyer-Landrut lächelt. „Dann ist alles schön. Dann ist alles gut.“

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