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Legende auf Tour Das gleiche gebrochene Herz

Leonard Cohen ist wieder auf Tour - was für ein Glück. Denn: Welcher andere Herr dieses Alters könnte so über Liebe und Sehnsucht singen, ohne peinlich zu sein?

Was für ein Glück: Leonard Cohen ist wieder auf Tour. Foto: ddp

Ich weiß nicht“, sagt Leonard Cohen nach dem zweiten Lied, „wann wir wieder hier vorbeikommen werden. Aber heute nacht werden wir alles geben.“ Alles, das sind in Wiesbaden mehr als drei Stunden Konzert, netto. Es ist so bemerkenswert, weil Cohen am 21. September 76 Jahre alt wird. 2008 in Frankfurt erzählte er nüchtern, dass er aus finanziellen Gründen touren müsse. Das mag immer noch so sein, er erwähnt es nicht mehr. Immer noch aber ist es für sein Publikum ein Glück, den alten Herrn live zu hören. Seine Stimme ist noch ein wenig tiefer, seine Bescheidenheit und Höflichkeit noch ein wenig größer, seine zarte Selbstironie nicht geringer geworden. Welcher andere Herr dieses Alters könnte so über Liebe und Sehnsucht singen, ohne peinlich zu sein.

„I’m your man“, singt Cohen, lüpft den schwarzen Hut und ändert den Text: „I’ll wear an old man’s mask for you.“ Er trägt diese Maske mit Eleganz, mit einer gewissen Nonchalance. Der junge Cohen kommt an diesem Abend auf dem Wiesbadener Bowling Green trotzdem zu Wort, mit „So Long, Marianne“ und „Chelsea Hotel #2“, mit „Suzanne“ und „Famous Blue Raincoat“, das er unterschreibt: „Sincerely, L. Cohen“. Man hört diese Lieder anders, natürlich, sie sind Erinnerungen geworden. Man hört sie mit Wehmut. Aber Nostalgie ist nur ein Teil dieses Abends. Cohen hat neue Lieder geschrieben, „The Darkness“, „Born in Chains“ und „Feels so good“. Letzteres erzählt von den winzigen Freuden des Alleinseins, enthält aber auch die Zeile: „I got the same old broken heart, but it feels like it belongs to someone else.“ Die neuen Lieder haben die Cohen-Melancholie und das gemächliche Cohen-Tempo. Darüber lästerten die Cohen-Verächter schon immer. In der Tat sind es oft erzählende, gesungen-gesprochene Gedichte, mit Musik werden sie zum langen ruhigen Fluss. Aber die poetische Dichte der Texte, ihre biblische Wucht werden getragen von einer – ähnlich wie bei Johnny Cash – immer charismatischer werdenden, lebensweisen Stimme.

Cohen reist mit einer munteren, mit Soli glänzenden, atemberaubend präzisen Band. Mehrmals bedankt er sich zärtlich bei Roscoe Beck, Bass, Neil Larsen, Keyboard, Bob Metzger, Gitarre, Javier Mas, Laute, Rafael Gayol, Percussion, Dino Soldo, Saxophon, den Sängerinnen Sharon Robinson und Charley und Hattie Webb. Unter dem herben Septemberhimmel wünscht man sich, Leonard Cohen möge wieder vorbeikommen. Dieser Mann wird wissen, wann es Zeit ist aufzuhören. Jetzt ist diese Zeit noch nicht da. Und der kleine alte Mann hat recht: Da in so vielen Teilen der Welt Chaos und Leiden herrschen, ist es ein wunderbares Privileg, ein Konzert zu geben, einem Konzert zuhören zu können.

Tour: 27. Sept. Hannover, 29. Sept. Dortmund, 1. Okt. Stuttgart. CD, DVD: „Songs from the Road“, erscheint am 10. September (Columbia, Legacy).

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