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Laura Marling Von schlichter Schönheit

Klassische Fragen: „Semper Femina“, das neue Album der Britin Laura Marling, die entfernt an Joni Mitchell erinnert.

2012 Coachella Valley Music & Arts Festival - Day 2
Laura Marling, bestimmt gerade furios zupfend. Karl Walter/Getty Images for Coachella/AFP Foto: Karl Walter (GETTY IMAGES NORTH AMERICA)

Die Musik auf diesem Album verströmt viel Zärtlichkeit. Würde man nicht auf die Texte hören, man könnte denken, es handle sich schlicht um eine Reihe von schwermütigen Liebesliedern. Vielmehr jedoch ist es eine Untersuchung von Weiblichkeit in unserer Zeit, mit der sich Laura Marling auf „Semper Femina“ – lateinisch für: jederzeit eine Frau – beschäftigt. Es ist ihr sechstes Album seit Erscheinen ihres seinerzeit allüberall seiner Reife wegen bestaunten Debüts „Alas, I Cannot Swim“ 2008; da war sie 18 Jahre alt.

„Semper Femina“ – diese Worte aus Vergils großem Versepos „Die Aeneis“ hat sich die englische Singer/Songwriterin schon vor längerer Zeit auf den linken Oberschenkel tätowieren lassen. „Unstet und immer veränderlich bleibt die Frau“ lautet der vollständige Vers. Die Melodien sind ganz klassisch vom Folk geprägt, die gezupfte akustische Gitarre spielt eine zentrale Rolle, daneben steht ein jazzig groovender Kontrabass und eine sparsame Perkussion.

Mit 13 Jahren hatte Marling Joni Mitchell für sich entdeckt, bei aller entschiedenen Eigenständigkeit ihrer Musik von Anbeginn an ist diese Prägung nach wie vor offenkundig. Abzulesen an der lyrischen Songpoesie und dem diskreten Hang zum Jazz sowie einem gewissen Schweben über den Dingen in Texten wie Musik. Mitunter schimmern Blues und Americana durch. Das Timbre der Altstimme erinnert milde an Joni Mitchell.

Der popkulturellen Bewegung des „sexy feminism“, der einst mit dem neoliberal geprägten weiblichen Selbstbewusstsein von Destiny’s Child eingeführt wurde und derzeit durch deren Spaltungsprodukt Beyoncé prominent personifiziert wird, setzt Laura Marling gleichsam einen, nennen wir es: reflektierend-emotionalen Feminismus entgegen. Es geht um eine Bestimmung der Position des Weiblichen im Gender-Struggle. Und es treiben Marling, so hat sie es jedenfalls in aktuellen Interviews gesagt, Fragen der weiblichen Kreativität um, die, gleich der männlichen, weibliche wie männliche Seiten einschließe.

Ihr letztes Album „Short Music“ von 2015 hat sie selbst produziert und sich danach für eine Weile zwecks Selbstfindung nach Los Angeles zurückgezogen. Der Song „Wild Once“ kündet von einer Zeit, in der sie auf Bäume geklettert und barfuß durch den Wald im kalifornischen Big Sur gelaufen sei.

Im Sommer vergangenen Jahres hat Laura Marling mit einer Podcastreihe begonnen, die einem Engagement für eine stärkere Teilhabe von Frauen in Aufnahmestudios und hinter den Kulissen der Popmusik gilt; zu ihren Gesprächspartnerinnen gehörten Größen wie Dolly Parton und Emmylou Harris. Selber hat sie – kein Widerspruch – für das auf ihrem eigenen Label More Alarming Music veröffentlichte ,,Semper Femina“ einen Mann als Produzenten hinzugezogen, Blake Mills, der schon für Conor Oberst und Fiona Apple gearbeitet hat. Der Grund? Ganz simpel: Man habe sich ideal ergänzt.

Ein Schönheitsfehler: So virtuos die Folkgitarre gezupft wird, so hässlich quietschen in vielen Songs die Saiten beim Akkordwechsel. Ändert letztlich aber nichts. Obgleich Streicher zum Einsatz kommen, muten die Arrangements in der Summe eher karg an, die neun Songs in gut vierzig Minuten stellen sich in einer einnehmenden Schlichtheit dar – ein Album von einer betörenden Schönheit und Klasse.

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