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LaBrassBanda Acht Schritte vor, acht Schritte zurück

LaBrassBanda müssen auf der Mainzer Zitadelle den begeisterten Applaus beschränken.

Der Reggae wurde in Übersee erfunden. Übersee in Oberbayern, am Chiemsee. Beim Dettl-Bauern hat’s die Hanf-Scheune erwischt: Sommergewitter, Blitz, dichte Rauchschwaden. Die sind rübergezogen zum Hinterwirt, wo die Blaskapelle grad am Proben war. Mit dem Hanfdampf im Hirn haben’s die Polkas und die Märsche dann so gedehnt, dass der Reggae da war.

In Wirklichkeit kommt nur LaBrassBanda aus Übersee, und die Band spielt auch nicht nur Reggae. Sondern auch Tuba-Techno, Flügelhorn-Funk und Posaunen-Polka. Die perfekte Sommermusik jedenfalls, um auf der Zitadelle in Mainz von zum Glück harmlos bleibenden Regenwolken abzulenken.

Das gelingt schon der Vorgruppe: Caravãna Sun, bekennende Surfer-Dudes aus der Gegend von Sydney. Basslastiger Gitarren-Elektro-Pop mit psychedelischen Trompetensoli, der so schnell in Ska, Polka und sogar Walzer gleitet wie in elektrobeatige Dancefloor-Gefilde. Wäre die Welt gerecht, würden sie Stadien füllen. Es kommt zu einem bei Vorgruppen seltenen Phänomen: einer Zugabe.

Die sieben Jungs von LaBrassBanda sind wie immer in Lederhosen und wie immer barfuß, was ihnen einst einen Rüffel des Gauverbandes I der bayerischen Gebirgstrachten-Erhaltungsvereine einbrachte. Der hätte auch die Trikots der Socceroos nicht goutiert, der australischen Fußball-Nationalmannschaft, die heute alle Bandmitglieder tragen, Geschenke der Vorgruppe. Sie passen zum jüngsten Album-Motto „Around The World“, und das wiederum gibt Frontmann Stefan Dettl Gelegenheit für großartige Schwindelgeschichten um angebliche Erlebnisse auf Welttournee.

„Ujemama“ zum Beispiel hätten in Brasilien alle sofort mitgesungen, behauptet er. Dabei sind die Hochgeschwindigkeitstexte, die Dettl ins Mikro stakkatiert, schon nördlich der Donau kaum zu verstehen. Selbst die Transkription hilft nur wenig: „Denk i an sie, gehts ma guad san de Sorgen dahi / Ohne sie fehlt da Mut Koana wart auf di / Von weitem sieg i was du hast gwart auf mi / Wies d’Mama gsagt hat du schaust auf mi“. Alles klar?

Tuba, drei Trompeten, Posaune, dazu Schlagzeug und Bass: Dettl ließ sich vor gut zehn Jahren davon inspirieren, wie moderne US-Brass-Bands Funk und HipHop, Dub und Jazz mit Blasmusik kreuzen. Am Münchener Konservatorium fand er Mitmusiker. 2013 hätte LaBrassBanda im deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest mit „Nackert“ beinahe gewonnen. Nur Cascada war vor den Überseern und kam in Malmö auf Platz 21 von 26.

Im Publikum auf der Zitadelle tragen viele Herren Lederhosen, einige Damen Dirndl. Vor der Bühne wird zu Songs wie „Cadillac“, „Johnny“ und „VW Jetta“ gehüpft, was das Zeug hält, und gelegentlich gepogt. Dettl gebietet kurzen Applaus, man sei seit Jahren nicht da gewesen und wolle möglichst viele Lieder unterbringen. Den Funk-Tanz-Kurs – acht Schritte vor, acht Schritte zurück, Hände zum hysterischen Freestyle-Jubel in die Luft – absolvieren bis in die letzten Reihen alle brav mit. Ein herrlicher Anblick.

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