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Kulturtage der EZB Die überholenden Überholten der Neuen Musik

Das EZB-Konzert in der Alten Oper Frankfurt ist eine Leistungsschau für litauische Akteure und Kompositionen.

Die Zunahme der Veraltungsgeschwindigkeit führt dazu, dass immer schneller Neues alt wird und umgekehrt Altes schnell wieder neu werden kann, denn die Ressourcen der Kunst sind nicht unendlich. Wer veraltete Positionen nicht gleich aufgibt, kann so in den Genuss kommen, bald wieder up to date zu sein. So geschehen bei vielen Künstlern des einst am Drehschwindel der Moderne des Westens unbeteiligten Ostblocks, zu dem auch die mittlerweile mit Euro bezahlenden Länder des Baltikums gehörten. Namen wie Sven Tüür, Pieter Vähi und Arvo Pärt oder Peteris Vasks stehen für die überholenden Überholten der Neuen Musik, die etwa in Gestalt Arvo Pärts eine in der Geschichte der Neuen Musik nie dagewesenen globale Reichweite haben.

Litauische Komponisten sind neben den genannten aus Estland und Lettland nicht so bekannt, und deshalb hatte das Abschlusskonzert der diesjährigen Kulturtage der EZB, die unter der Schirmherrschaft Litauens standen, eine besondere Mission. Es war nicht nur eine Leistungsschau des im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt aufspielenden Litauischen Kammerorchesters und exponierter Instrumental- sowie Vokalsolisten des Landes, sondern zugleich Präsentation aktueller kompositorischer Positionen.

Drei mittlerweile in ihren 60er und 70er Lebensjahren stehende Komponisten zeigten eigentümliche Mischungen aus Originalität und Epigonalität: Stilmaskeraden, die sich diverser barocker und klassischer Oberflächen bedienten. Handwerklich souveräne Konstruktionen, die mal schimärenhafte, dann wieder ganz unmittelbar zitierende Partien in einem belebten Wechsel zeigten.

In Arvydas Malcys’ „Milky Way“ (2004) ließen sich in gewitzter Minimalistik zerrüttete Mozartismen hören. Kesse Virtuosenmusik, feinsinnig, ja zart, mit einem pop-affinen Drive. Viel strenger und einer modern-romantischen Ausdrucksdramaturgie verpflichtet das Violinkonzert von Anatolijus Senderovas von 2007/13: etablierter Konzert-Habitus mit Stimmungswerten und Klangfarben, die einiges der klassischen Moderne verdanken. Algirdas Martinaitis’ „Musikalisches Opfer“ von 2000 hätte hingegen als eine bis dato unbekannte Arie aus etwa der Johannes-Passion oder einer Kantate Bachs durchgehen können. Das Rad der Zeit in trefflicher Rückläufigkeit.

Solisten wie Dzeraldas Bidva (Solo-Violine bei Senderovas), die Sängerin Lina Dambrauskaite oder der Pianist Andrius Zlabys waren mit stoischer Behändigkeit und bezauberndem Sopran auch bei Bachs d-Moll-Klavierkonzert und Mozarts „Exsultate, jubilate“-Motette höchstqualifizierte Könner.

Das Orchester mit alerten Streichern und Holzbläsern leitete Sergej Krylov sehr gestisch.

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